Wir erleben derzeit in Deutschland eine Welle von Krieg und Kriegspropaganda auf allen Ebenen. Die Friedensbewegung schwächelt. Große Teile der politischen Linken sind zu den Bellizisten übergelaufen.

Aber natürlich gibt es Ausnahmen in dieser keineswegs zu billigenden Entwicklung. Als Beispiel sei genannt das kürzlich vom zu Klampen Verlag herausgebrachte Buch „Deserteure“. Das Werk ist an sich eine Abhandlung der Geschichte militärischer Desertion – hauptsächlich in Deutschland. Wobei der Autor auch zahlreiche Episoden aus der Entstehungsgeschichte des Militärs in Europa liefert – von den römischen Legionen der Antike über die Söldnerheere des Spätmittelalters bis hin zu den nationalstaatlich strukturierten Armeen der Neuzeit. Geschildert wird unter anderem die Disziplinierung der Bevölkerung zum Krieg – inklusive der drakonischen Strafen, mit denen die Soldaten rechnen mussten, denen der Tod auf dem Schlachtfeld nicht behagte.

Nicht thematisiert werden in dem Buch allerdings wirtschaftliche Hintergründe von kriegerischen Auseinandersetzungen. Ursache für militärische Gewalt und Krieg ist für den Autor stets staatliche Autorität und die Formierung von Bevölkerungsgruppen zu Nationen. Dass die Staatsgewalt stets nur das Werkzeug bestehender oder in Entstehung begriffener Wirtschaftsstrukturen ist, kommt bei ihm nicht vor. Und auch nicht, das diese Herausbildung kapitalistischer Wirtschaftsstrukturen stets mit einer Eskalation militärischer Gewalt einher ging.

Der Autor bezieht sich hauptsächlich auf Theoretiker des Anarchosyndikalismus, wie beispielsweise Max Stirner oder Gustav Landauer. Auch sind Hinweise auf antimilitaristische Literatur in dem Buch nicht selten. Erwähnt werden die Werke Leo Tolstois sowie der Roman „Die Waffen nieder“ der österreichischen Autorin Bertha von Suttner. Auch thematisiert der Autor mehrere literarische Verarbeitungen der Gemetzel des 1. und auch des 2. Weltkrieges – unter anderem Werke von Heinrich Böll und von Siegfried Lenz. Antimilitaristisch orientierte Werke sozialistischer Autorinnen und Autoren – beispielsweise die bis heute immer noch lesenswerte Erzählung „Flucht in den Tod“ des DDR-Autors Franz Fühmann oder der antimilitaristische Roman „Kassandra“ der DDR-Autorin Christa Wolf – finden in dem Buch allerdings kaum Erwähnung. Wie der Autor meint, würden antimilitaristische Forderungen in der sozialistischen Literatur nicht oder zumindest nur selten propagiert. Erwähnt werden in dem Buch immerhin Versuche von Antimilitaristen, den Ausbruch von Kriegen mittels Aufruf zum Generalstreik und dem Boykott der Kriegswirtschaft zu verhindern.

Interessant sind in dem Buch dokumentierte Zahlen von Kriegdienstverweigerern und Deserteuren in europäischen Armeen. Während des 1. Weltkrieges gab es in allen militärischen Formationen der beteiligten Staaten zahlreiche Fahnenflüchtige sowie Meutereien und geschlossene Befehlsverweigerungen ganzer Truppenteile. Die jeweilige Militärgerichtsbarkeit ging zwar gegen Fahnenflucht und Meuterei vor – Todesurteile gab es jedoch vergleichsweise wenige und auch diese wurden häufig nicht vollstreckt. Dies änderte sich bald: Wurden im Ersten Weltkrieg nur 48 von deutschen Militärgerichten verhängte Todesurteile vollstreckt, so waren es im 2. Weltkrieg dann schon 20.000 Hinrichtungen. Die zunehmende Brutalisierung von Krieg ging also mit einer zunehmenden Brutalisierung der Militärjustiz einher. Dass die Taten der furchtbaren Nazijuristen in der Nachkriegszeit fast nie geahndet wurden, wird im Buch durchaus zutreffend geschildert. Der Autor zitiert unter anderem den Satz des Schriftstellers Siegfried Lenz: „ Die Henker leben noch, sie überleben immer…“

Kriegsdienstverweigerungen gab es, wie weiter in dem Buch geschildert, auch noch nach dem Ende des 2. Weltkriges: Nicht wenige Soldaten verweigerten sich dem Koreakrieg, dem Vietnamkrieg und den französischen Kolonialkriegen.Und in unserer Gegenwart flüchten zahlreiche Russen und Ukrainer vor dem mörderischen Krieg in Osteuropa in sichere Gegenden. Die in den letzten Monaten weltweit eskalierenden militärischen Konflikte konnten in das Buch natürlich nicht eingehen. Es dürfte allerdings wahrscheinlich sein, dass es schon zu nicht wenigen Fahnenfluchten und Befehlsverweigerungen gekommen ist und in Zukunft noch mehr davon geben wird.

 

 

 

Rolf Cantzen: „Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht“, zu Klampen Verlag, Springe 2025, 203 Seiten,  24 Euro