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Von Erd- und Geldbeben

„Frankfurt liest ein Buch“ – seit 2010 findet in Frankfurt am Main jĂ€hrlich im April ein Lesefest mit einer Vielzahl von Veranstaltungen statt. AusgewĂ€hlt werden dafĂŒr Romane, die in der Stadt spielen und zeitgeschichtliche Relevanz besitzen. „Im 16. Jahr rĂŒckt das Lesefestival erstmals Frankfurts Rolle als Finanzplatz in den Vordergrund: Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweits 2004 erschienener Roman ‚Nachbeben‘ liefert eine literarische Chronik der 1990er Jahre und der deutschen WĂ€hrungsgeschichte. Setting ist neben Frankfurt vor allem der Kleine Feldberg, wo ein Seismograph die Wellen und Schwingungen der großen Welt genauso wie die GefĂŒhlslagen und (zwischen)menschlichen Spannungen des Romanpersonals einfĂ€ngt.“ So ein Text des Kulturfonds Frankfurt RheinMain zum diesjĂ€hrigen Event.

In einer Rezension des Romans nach seinem Erscheinen hieß es in der „taz“, dem Autor sei es gelungen, „deutsche WĂ€hrungs- und Wissenschaftsgeschichte ebenso kurzweilig abzuhandeln wie die darin eingebettet verlaufenden Regungen seiner fĂŒnf Hauptakteure“. Ähnlich positiv der Tenor anderer Rezensionen und in diesem Jahr die Berichte ĂŒber die Lesungen an vielen Orten Frankfurts.

Warum er außer seiner TĂ€tigkeit als Journalist noch Literatur verfasse beantwortete Kurbjuweit in einem Interview wie folgt: „So wird die Fiktion zur Möglichkeit, die ganze Wahrheit zu sagen.“ An diesem nicht eben geringen Anspruch muss er sich messen lassen.

Nehmen wir als Beispiel diejenigen Passagen in seinem Roman, die sich auf die WĂ€hrungsreform von 1948 beziehen. Man darf erwarten, dass Kurbjuweit – auch weil er Volkswirtschaft studiert hat, also Experte ist – hier nicht nur die sattsam bekannte Legende wiederholt, dass „alle mit 40 Mark angefangen haben“, die sie sich in Form von in den USA frisch gedruckten Scheinen bei den Verteilstellen in den westlichen Besatzungszonen abholen durften. Mit dieser Legende beginnt die MĂ€r vom Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, bei dem angeblich alle in gleicher Weise profitierten. Wenn dann die einen bald mehr hatten und zu Reichtum kamen, und die anderen weniger, dann lag das an ihrer Leistung und ihrem unternehmerischen Geschick, denn es hatten ja angeblich alle mit der gleichen Summe Geld angefangen.

So stand es jahrzehntelang in den SchulbĂŒchern und so steht es mehr oder weniger auch in Dirk Kurbjuweits Roman. Zwar beschreibt er, wie mit dem neuen Geld schlagartig wieder die Schaufenster voll waren, weil die GeschĂ€ftsinhaber illegaler Weise ihre Waren bis zum Tag X gehortet hatten. Er kennt und benennt also das Geheimnis des Sachwerts. Aber dass bei der Umstellung der WĂ€hrung damals die Guthaben der kleinen Sparer im VerhĂ€ltnis von 10 zu 1 abgewertet wurden, wĂ€hrend die Besitzer von Sachwerten – Grund und Boden, Immobilien, Kapital und Aktien – völlig ungeschoren davonkamen, verschweigt er.

In einem 1981 erschienenen Sammelband zur Geschichte der IG Metall hieß es dazu: „Die WĂ€hrungsreform 
 war eine der radikalsten Enteignungen unseres Jahrhunderts, freilich zuungunsten des kleinen Mannes. Mit ihr begann die Vermögenskonzentration in den HĂ€nden weniger und die Vermögenslosigkeit breiter Schichten, die heute das Bild der Wirtschaft bestimmen“. Seither hat sich an der Ungleichheit der Vermögen nur geĂ€ndert, dass sie noch krasser geworden ist.

Auch die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung bemĂŒht sich inzwischen um eine wahrheitsgetreue AufklĂ€rung ĂŒber die WĂ€hrungsreform. In ihrer Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ hieß es dazu am 29. Juni 2018: „Der WĂ€hrungsschnitt fiel erheblich schĂ€rfer aus, als geplant war, und bedeutete eine große soziale Ungerechtigkeit, da er einseitig die Sparer traf und die Sachwertbesitzer schonte. Ein entsprechendes Lastenausgleichsgesetz kam erst 1952 zustande und zeigte die Schwierigkeit, hier eine angemessene Lösung zu finden.“

Als dies bei einer sich an die Lesung aus dem Roman anschließenden Diskussion vorgetragen wurde, meinte jemand aus dem Publikum, es handele sich doch um Belletristik, nicht um eine volkswirtschaftliche Abhandlung. Der Vorwurf, bei der WĂ€hrungsreform höchstens die halbe Wahrheit erzĂ€hlt zu haben, treffe also fĂŒr Kurbjuweit nicht zu. Dem widersprach eine Teilnehmerin, die auch darauf hinwies, dass die im Roman stĂ€ndig bemĂŒhte metaphorische Parallelisierung von seismischen ErschĂŒtterungen durch Erdbeben und gesellschaftlichen ErschĂŒtterungen durch Geldreformen unter einem gewissen Ideologieverdacht stehe: Sollen hier etwa ökonomische und soziale Ereignisse als quasi natĂŒrliche PhĂ€nomene assoziiert werden, die nun einmal passieren? So sagt Kurbjuweit es nicht, aber so könnte es verstanden werden.

Dass mit der einseitig von den Westalliierten verkĂŒndeten WĂ€hrungsreform von 1948 die Teilung Deutschlands besiegelt war, findet er nicht einmal der ErwĂ€hnung wert. Bei der Darstellung der WĂ€hrungsunion von 1990, die dann der erste Schritt zur „Wiedervereinigung“ war, sprich zur Eingemeindung der DDR in die Bundesrepublik, deutet er zwar an, welche verheerenden Konsequenzen ihre Umsetzung fĂŒr die KonkurrenzfĂ€higkeit der ostdeutschen Unternehmen hatte. Er verliert aber kein Wort ĂŒber das unselige Wirken der Treuhandanstalt, die mit dem Ziel gegrĂŒndet worden war, das „Volkseigentum“ der DDR zu Geld zu machen.

In einem Artikel auf der Seite des Mitteldeutschen Rundfunks unter dem Titel „Wie die Treuhand den Osten verkaufte“ heißt es dazu: „Unter teils dubiosen UmstĂ€nden verscherbelt die Treuhand rund 50.000 Immobilien, knapp 10.000 Firmen und mehr als 25.000 Kleinbetriebe. Dass sie in zahllosen FĂ€llen weder die BonitĂ€t der KĂ€ufer prĂŒfte noch die Einhaltung der VertrĂ€ge ĂŒberwachte, ist aktenkundig. Die DDR gilt in diesen Jahren als ein riesiger SchnĂ€ppchenmarkt und die Kritik an dem Gebaren der Treuhand wĂ€chst von Jahr zu Jahr
 Die Geschichte der Treuhand ist aber vor allem eine Geschichte einer gigantischen Umverteilung: Das einstige Volkseigentum ist zu 85 Prozent an Westdeutsche, zu 10 Prozent an internationale Investoren und nur zu knapp 5 Prozent an Ostdeutsche ĂŒbertragen worden.“ (7. April 2022)

Im Roman „Nachbeben“ ist davon nicht die Rede, stattdessen wird die Sehnsucht und „Gier“ der Ostdeutschen nach der kaufkrĂ€ftigen D-Mark herausgestellt. Und bei den Passagen zur EinfĂŒhrung des Euro geht es dann folgerichtig auch um die „harte Mark“, des Deutschen angeblich liebstes Kind, das er nicht gerne gegen eine weiche internationale WĂ€hrung tauschen möchte.

Die Hauptfigur des Romans, Lorenz, ist ein sozialer Aufsteiger, der bei der Bundesbank Karriere machen möchte. Auf einer internationalen Konferenz tritt er kĂŒhn gegen den Euro auf, wird von einem Vorgesetzten gemaßregelt und darĂŒber belehrt, dass „die Franzosen“ nun einmal diesen Preis fĂŒr die Zustimmung zur deutschen Einheit verlangt hĂ€tten. Man werde aber alles dafĂŒr tun, den Euro ebenso hart wie die Mark zu machen.

Auch hier kein weiteres Wort mehr darĂŒber, wie die deutsche Wirtschaft dann von der neuen WĂ€hrung profitierte, ihre Exporte in andere europĂ€ische LĂ€nder steigern konnte. Stattdessen wird ausgebreitet, wie Lorenz in der Bundesbank gemobbt wird, sich aus Geldnot korrumpieren lĂ€sst, woraufhin man ihn schließlich hinauswirft.

In Interviews wurde Dirk Kurbjuweit stets nach seiner persönlichen Meinung zum Euro gefragt. Da distanzierte er sich dann von den Auffassungen seiner Romanfigur. Aber im Roman selbst werden die nostalgischen und national aufgeladenen Mythen um das deutsche Geld nur immer wieder zitiert und allenfalls leicht ironisiert, nicht kritisch auseinander genommen. Zum Beispiel indem die monetĂ€ren Fragen auch als soziale Fragen, als Fragen nach der Verteilung immer wieder neu gestellt und dargestellt wĂŒrden. 

 

 

 

 

Der Weltdrogenatlas – Produktion, Handel, Konsum

Diese Veröffentlichung ist fĂŒr alle interessant, die sich einen aktuellen Überblick ĂŒber die weltweite Drogensituation verschaffen möchten. Unter anderem geht es um folgende Themen:

Afghanistan: Die Mohnbauern und die Taliban. Seit der MachtĂŒbernahme der Taliban in 2021 ist der Anbau von Mohn verboten, was zu einer Reduktion um 95 Prozent und einem Verlust von schĂ€tzungsweise 1,3 Mrd USD, ungefĂ€hr 8 Prozent des BIP, fĂŒhrte (S. 14 ff.).

Europa: Dem Konsum von MDMA auf der Spur in 88 StĂ€dten Europas und der TĂŒrkei (S. 48 ff.)

Wie und warum im Steuerparadies Dubai GeldwĂ€sche mit Immobilientransaktionen durchgefĂŒhrt werden konnten (S. 62 ff.).

Ukraine: Können mit Ketamin die Kriegstraumata ausgelöscht werden? (S. 56 ff) Es stellen sich ethische Fragen bei der Behandlung der SoldatInnen mit dieser psychoaktiven Droge. Zudem wird ĂŒber die Legalisierung des Konsums von Psilocybine und MDMA im Rahmen einer medizinischen Behandlung diskutiert.

USA: Das tödliche Fentanyl. Beim Treffen mit US-PrĂ€sident Biden in San Francisco im November 2023 hat der StaatsprĂ€sident der Volksrepublik China Xi Jinping Maßnahmen zur BekĂ€mpfung des Problems versprochen. Allerdings haben diese Maßnahmen dazu gefĂŒhrt, dass die chemischen Vorprodukte nun aus Indien kommen, wie die US-DrogenbekĂ€mpfungsbehörde DEA konstatierte (S. 4 ff.).

Der Courrier international erscheint wöchentlich als Presseschau von ĂŒber 900 weltweit publizierten Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Sein Hauptsitz ist in Paris. Herausgegeben wird die Zeitschrift von einer Verlegergruppe um die Tageszeitung Le Monde und die Gruppe Express-Expansion, die zu Vivendi gehört. Die Zeitschrift wurde im November 1990 von vier Parisern entwickelt und hat eine verkaufte Auflage von gut 180.000 (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Courrier international).

Courrier international, Hors-Série: Weltdrogenatlas. Produktion, Handel, Konsum. Mit Karten und Infographiken. Paris, August-September 2024, 74 Seiten, 8.90 Euro.

Zu bestellen ĂŒber: https://boutiquevpc.courrierinternational.com/hors-series/3239-atlas-des-drogues.html

Norbert Neumann ist ehemaliger Deutschlandkorrespondent der Ende der 1990er Jahre aufgelösten Nichtregierungsorganisation Observatoire géopolitique des drogues (OGD) in Paris. OGD hat 1993 in Deutschland den Welt-Drogen-Bericht veröffentlicht, die erste nicht-staatliche Publikation zur weltweiten Drogensituation (dtv sachbuch, Dezember 1993). Zudem veröffentlichte OGD 1996 den ersten Weltdrogenatlas (Paris : Presses universitaires de France 1996).

Zonenbildung: Die neue Geografie des Kapitalismus

Im rechtswissenschaftlichen und politischen Diskurs wird die Auffassung vertreten, das seit Anfang des letzten Jahres in Deutschland geltende Lieferkettengesetz und die aktuelle Debatte um eine entsprechende EU-Richtlinie ließe eine internationale Rechtsentwicklung erkennen, die auf eine Durchsetzung von Normen des Menschenrechts in der globalisierten Wirtschaft gerichtet sei.

UnabhĂ€ngig davon, ob man es fĂŒr illusionĂ€r hĂ€lt, die kapitalistische Produktionsweise könne die Einhaltung der Menschenrechte gewĂ€hrleisten – ausgeblendet wird in der Diskussion, dass marktradikale Akteure seit Jahren auch auf juristischer Ebene weltweit erfolgreich in die genau entgegengesetzte Richtung arbeiten. Sie wollen, wie es der Untertitel des neuen Buches von Quinn Slobodian anzeigt, „die Welt in Mikronationen, PrivatstĂ€dte und Steueroasen zerlegen“. Gemeint sind eigentĂŒmliche Enklaven, die sich zwar rĂ€umlich innerhalb von nationalstaatlichen Territorien befinden, zugleich aber von den dort geltenden Regeln ausgenommen sind. Der Autor fasst sie unter dem Begriff „Zonen“ zusammen. Dort sollen sich ausschließlich die Gesetze des Marktes entfalten und Investoren selber festlegen können, an welche Regeln sie sich halten wollen. Slobodian nutzt auch die Metapher der Perforation, um zu verdeutlichen, wie der Kapitalismus Löcher in das Territorium des Nationalstaates stanzt, um Ausnahmezonen mit eigenen Gesetzen zu errichten. Mit der Folge, dass neue RechtsrĂ€ume entstehen, in denen bislang geltende Steuerpflichten, Arbeitsrechte und Umweltauflagen unterlaufen oder ganz abgeschafft werden.

Slobodian zitiert zu Beginn seines Buches eine provokante Aussage des rechtslibertÀren Tech-Investors Peter Thiel aus dem Jahr 2009, nach dem Freiheit und Demokratie unvereinbar seien (vgl. Beitrag in BIG Business Crime, Beilage zu Stichwort BAYER Nr. 1/2023). Die Einlassung des US-MilliardÀrs zeugt dabei nicht von reinem Wunschdenken, denn Slobodian verweist auf mittlerweile weltweit mehr als 5.400 tatsÀchlich existierende Zonen, die eine verwirrende Vielfalt an Formen annehmen; nach einer offiziellen Einstufung gibt es demnach mindestens 82 Varianten. Darunter fallen einzelne ProduktionsstÀtten, Gewebesteueroasen auf Gemeindebasis, aber auch urbane Megaprojekte und ausgedehnte Sonderwirtschaftszonen. 

Sie alle stehen fĂŒr einen „Crack Up Capitalism“ (Titel der Originalausgabe) – verstanden als eine Utopie des freien Marktes, die nach Ansicht von AnhĂ€ngern der Zonenbildung „durch Sezession und Fragmentierung der Nationalstaaten“ verwirklicht werden könne. Die Idee, dass der Kapitalismus sehr viel wichtiger sei als die Demokratie und vor „dem Zugriff des Volkes“ gesichert werden mĂŒsse, entspricht nach Meinung des Buchautors einer gezielt entwickelten Geisteshaltung, die seit fĂŒnfzig Jahren unmerklich auf dem Vormarsch sei und sich auf „unsere Gesetze, Institutionen und politische Bestrebungen“ auswirke.

Slobodian entwirft im Grunde eine Verfallsgeschichte der Demokratie, wobei er seine Grundthese eines von Zonen ĂŒbersĂ€ten „Zersplitterungskapitalismus“ mit Blick auf mehrere geografische Schwerpunkte und anhand von insgesamt elf Fallstudien abhandelt. Unter anderem beschreibt er markante Entwicklungen in Hongkong und Singapur, London und Liechtenstein, Dubai und Somalia – alles Orte, wo sich Kapitalismus und Demokratie auseinanderentwickeln wĂŒrden. Dennoch entlarvt der Autor das Ziel, möglichst viele Zonen tatsĂ€chlich vom Staat zu „befreien“, als reine Rhetorik, denn letztlich seien sie Werkzeuge des Staates (und des Kapitals). Schließlich wĂŒrden die Staaten sie einsetzen, um die eigenen Interessen zu verfolgen. Soll zum einen heißen, dass die Marktradikalen ihre Ziele nicht ohne staatliche Interventionen umsetzen können und sich deshalb nicht zufĂ€llig und nur scheinbar auf paradoxe Weise bewundernd ĂŒber autoritĂ€re Staaten Ă€ußern (vor allem ĂŒber deren „Effizienz“). Heißt zum anderen, dass Staaten wie Saudi-Arabien oder China ihre Position als staatskapitalistische (Groß)MĂ€chte durch den Bau von „extraterritorialen“ MegastĂ€dten oder die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen stĂ€rken wollen – und sich dabei oft genug ĂŒber das libertĂ€re Prinzip des Schutzes der Eigentumsrechte brutal hinwegsetzen (Vertreibung von Dorfbewohnern usw.).

Quinn Slobodian: Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, PrivatstÀdte und Steueroasen zerlegen wollen, ISBN 978-3-518-43146-7,  Suhrkamp Verlag, Berlin 2023, 428 Seiten, 32 Euro

 

Regime Change von rechts?

Martin Sellner gehört zu den stĂ€ndigen Autoren der Zeitschrift „Sezession“, die bis zu dessen Auflösung vom Institut fĂŒr Staatspolitik, dem neurechten Thinktank Götz Kubitscheks in Schnellroda (Sachsen-Anhalt)  herausgegeben wurde. Von 2015 bis 2023 war er Sprecher der IdentitĂ€ren Bewegung in Österreich. Ende November 2023 trug er bei dem von der investigativen Plattform Correctiv aufgedeckten Treffen von AfD-Mitgliedern und anderen Rechten in einer Potsdamer Villa einen „Masterplan“ zur „Remigration“ von FlĂŒchtlingen und „nicht assimilierbaren“ Eingewanderten vor. Dazu hat er inzwischen auch ein weiteres Buch im selben Verlag wie das hier rezensierte vorgelegt.

Regime Change von rechts – schon der Titel verweist darauf, worum es Sellner vordringlich geht: Die Umfunktionierung und Neubewertung öffentlichkeitswirksamer Begriffe. Stammt regime change aus dem Vokabular westlicher politischer Strategen, die darunter den „Systemwechsel von autoritĂ€ren Regimen zu Demokratien“ (Wikipedia) verstehen, so will Sellner einen anderen, in gewisser Weise entgegengesetzten Richtungswechsel. Er nennt es „Orbanisierung“, also den ungarischen Weg zu einer gelenkten Demokratie. Militante Strategien lehnt er dabei gleichermaßen ab wie ein bloßes Vertrauen auf parlamentarische Verfahren. Die begrenzte Regelverletzung hat er ebenso wie anderes den linken Bewegungen entlehnt und bei den IdentitĂ€ren schon mit mehr oder weniger Erfolg praktiziert. Er hĂ€lt viel von „anschlussfĂ€higer Provokation“.

Die Umwertung und Platzierung des Begriffs „Remigration“ in der Öffentlichkeit ist ein weiteres Beispiel. UrsprĂŒnglich ein neutraler wissenschaftlicher Begriff fĂŒr die RĂŒckwanderung von Migrierten, wird er von Sellner und der AfD als Bezeichnung fĂŒr die von ihnen propagierte forcierte Abschiebung von AuslĂ€ndern ohne Aufenthaltstitel benutzt, aber auch fĂŒr das HerausdrĂ€ngen von straffĂ€llig Gewordenen und Unangepassten aus dem Land, die bereits einen deutschen Pass besitzen. Dabei soll es nach Sellner juristisch korrekt und möglichst human zugehen, wĂ€hrend der ThĂŒringer AfD-Chef Björn Höcke, der Sellners BĂŒcher und PlĂ€ne enthusiastisch begrĂŒĂŸt, in diesem Zusammenhang, eine Formulierung des Philosophen Sloterdijk aufgreifend, von einer dazu notwendigen „wohltemperierten Grausamkeit“ spricht.

Dass „Remigration“ wegen der Berichte ĂŒber das Potsdamer Treffen und der darauf folgenden Welle von Massendemonstrationen gegen rechts als Begriff eine steile Karriere in den Medien erlebte, wertet Sellner als großen Erfolg. Auch dass das Wort zum „Unwort des Jahres 2023“ erklĂ€rt wurde, nutze seiner Bekanntheit. Es mit dem richtigen, rechten Inhalt zu fĂŒllen sei nun die nĂ€chste Aufgabe. Das entspricht dem im Buch ausgebreiteten Konzept, auf lĂ€ngere Sicht eine „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche) voranzubringen, die Definitionshoheit ĂŒber Begriffe zu erreichen oder das Wording und Framing, wie es im denglischen Neusprech heißt, zu bestimmen. Es geht um einen Kampf um die kulturelle Hegemonie, die die Voraussetzung dafĂŒr sei, politische Macht zu erringen. Darin folgt Sellner wie die Neue Rechte seit langem dem, was Antonio Gramsci in Mussolinis Kerker fĂŒr die italienische kommunistische Partei als erfolgversprechende Strategie entwickelt hat. BerĂŒhrungsĂ€ngste kennen sie dabei nicht. Ganz am Ende seines Buches zitiert Sellner sogar zustimmend aus Lenins „Was tun?“.

SelbstverstĂ€ndlich ist das alles Taktik. Schließlich geht es darum, eine Revolution im Dienste des Bestehenden zu inszenieren. Sellner nennt sie Reconquista – nicht zufĂ€llig ist das auch die Bezeichnung fĂŒr die Wiedereroberung muslimisch besetzter Territorien im mittelalterlichen Spanien, die nicht nur mit der Zwangschristianisierung oder Vertreibung der Mauren, sondern auch mit der der Juden einherging.

An keiner Stelle seines Buches findet sich bei Sellner eine Erkenntnis oder Kritik dessen, was das Wesen der Kapitalverwertung ausmacht oder auch nur eine ernsthafte Beschreibung von deren Krisen mitsamt ihren katastrophalen Auswirkungen auf Mensch und Natur. Alles erscheint vielmehr in erster Linie als bloß kulturelles bzw. ethnisches PhĂ€nomen und Problem. Dementsprechend sei das Hauptziel des angestrebten Regime Changes von rechts die „Erhaltung der ethnokulturellen IdentitĂ€t“ des deutschen Volkes. Ohne sie sei alles nichts. Es gehe gegen den „großen Austausch“ weiter Teile der Bevölkerung durch Fremde als perfiden Plan „globalistischer Eliten“, gegen den „universalistischen Schuldkult“, den die SiegermĂ€chte nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland aufgezwungen hĂ€tten, um es klein zu halten. Erst danach sei eine BeschĂ€ftigung mit der sozialen oder ökologischen Frage sinnvoll, bei der es selbstverstĂ€ndlich unterschiedliche Meinungen und LösungsansĂ€tze geben könne. Sellner verspricht: „FĂŒr eine ‚identitĂ€re Einheitsfront‘ muss niemand seine Überzeugung aufgeben.“

Man sieht, dass er sich hier den Weg zu BĂŒndnissen aller Art offen halten will, nicht nur zu einer Querfront mit Linken. Wie ĂŒberhaupt Sellners Buch eine Wendigkeit und FlexibilitĂ€t beweist, die man Vertretern der extremen Rechten vielleicht nicht so ohne weiteres zutraut. Sellner hat nicht nur Gramsci gelesen, den er mehrfach zitiert, sondern auch beispielsweise den US-amerikanischen Protestforscher Gene Sharp und andere einschlĂ€gige Literatur, der er wesentliche Einsichten in das Entstehen von Bewegungen und die Möglichkeiten zu ihrer Beeinflussung verdankt. Nicht umsonst bezeichnet Björn Höcke Sellners Opus als „Handbuch fĂŒr die deutsche Volksopposition“. Über viele Seiten werden dazu sehr konkrete Handlungsanweisungen gebracht und RatschlĂ€ge fĂŒr alle FĂ€lle vermittelt.

Aufstand der Kulturen

Martin Sellner beruft sich in seinem Buch auf Alain de Benoist, der fĂŒr die französische Nouvelle Droite als erster die „metapolitische“ Umfunktionierung linker TheorieansĂ€tze und Begriffe fĂŒr die Zwecke der Rechten vorgenommen hat. Deshalb hier aus dessen Manifest „Aufstand der Kulturen” von 1999 noch einige Zitate, die Sellners ideologischen Hintergrund beleuchten können. Da ist beispielsweise vom „westlichen Imperialismus” die Rede, gegen den „die Völker” kĂ€mpfen sollen. FĂŒr die Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturen wird die „Logik des Kapitals” verantwortlich gemacht, die „den Menschen auf den Zustand einer Ware” reduziere, „deren Standort man verlegen” kann. Weltweit dominiere eine „Neue Klasse”, die ĂŒberall den „gleichen Menschentypus” erzeuge: „Kalte Sachkundigkeit, von der Wirklichkeit losgelöste RationalitĂ€t, abstrakter Individualismus, ausschließlich auf Nutzen ausgerichtete Überzeugungen
”

Ein Kernsatz lautet: „Gegen die Allmacht des Geldes, der obersten Macht in der modernen Gesellschaft, gilt es, die Trennung von Reichtum und politischer Macht möglichst durchzusetzen.”
Die alte Unterscheidung zwischen „schaffendem” und „raffendem Kapital” klingt von Ferne in folgender Formulierung an: „Der Industriekapitalismus wurde allmĂ€hlich von einem Finanzkapitalismus beherrscht, der kurzfristig eine HöchstrentabilitĂ€t auf Kosten des tatsĂ€chlichen Zustands der Nationalökonomien und des langfristigen Interesses der Völker anstrebt”.
Wenn der Widerspruch nicht zwischen Kapital und Arbeit, sondern zwischen „Geld” und „Volk” bzw. den „Interessen der Völker” gesucht und gefunden wird, könnte es weiter gehen bis zu einer Ethnisierung des „schlechten” Kapitals – als „angelsĂ€chsisches” oder, bei den Neonazis, „jĂŒdisches” Finanzkapital. Alain de Benoist – wie auch Sellner – geht nicht so weit. Er begnĂŒgt sich mit der Ablenkungs- und SĂŒndenbockfunktion, die der Begriff des internationalen „Finanzkapitalismus” bereits bietet.
So lĂ€uft trotz des Einsatzes von viel scheinbar kapitalismuskritischem Vokabular doch wieder alles auf die Botschaft von der Verteidigung der nationalen und kulturellen IdentitĂ€t gegen den christlichen, aufklĂ€rerischen oder sozialistischen „Universalismus” hinaus. „FĂŒr starke IdentitĂ€ten”, „FĂŒr das Recht auf Verschiedenheit”, „Gegen die Immigration” sind die charakteristischen Forderungen dazu in den KapitelĂŒberschriften des Manifests. Der Mensch wird im Stil von Konrad Lorenz und IrenĂ€us Eibl-Eibesfeldt als „territoriales Tier” bezeichnet; seine „Entwurzelung” sei „eine soziale Pathologie unserer Zeit” (zit. nach Alain de Benoist: Aufstand der Kulturen – EuropĂ€isches Manifest fĂŒr das 21. Jahrhundert, Junge Freiheit Verlag 2019).

 

Martin Sellner: Regime Change von rechts. Eine strategische Skizze. Verlag Antaios, Schnellroda, 4., ĂŒberarbeitete Auflage, Januar 2024. 304 Seiten, 20 Euro. ISBN: 978-3-949041-54-9

 

 

 

 

Ein Sammelband zerlegt den Mythos ClankriminalitÀt

Im Herbst des vergangenen Jahres schlug Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) vor, Angehörige sogenannter Clanstrukturen kĂŒnftig unabhĂ€ngig von einer strafrechtlichen Verurteilung abschieben zu können. Der Vorstoß sorgte fĂŒr Furore und kritische Stimmen wiesen darauf hin, dass völlig unschuldige Menschen ins Visier genommen wĂŒrden, bloß weil sie mit mutmaßlich oder tatsĂ€chlich kriminell agierenden Personen in verwandtschaftlichen Beziehungen stĂŒnden. Das gesellschaftliche Umfeld fĂŒr solche Forderungen ist derzeit jedoch gĂŒnstig. Denn fĂŒr die Mainstream-Medien und den Großteil der deutschen Kriminalistik scheint die Sache seit Jahren klar zu sein: „Clan“-Mitglieder schotten sich ab, leben demnach in sozialen Parallelstrukturen, verachten das staatliche Gewaltmonopol und erklĂ€ren ganze Stadtteile zu No-Go-Areas. Kurz: „Islamisch-arabische FamilienverbĂ€nde“ bilden die Hauptgefahr fĂŒr die öffentliche Sicherheit in Deutschland und zersetzen den Rechtsstaat.

Einen völlig anderen Blick wirft ein im Oktober 2023 veröffentlichter Sammelband auf die Debatte – denn er prĂ€sentiert vor allem die Perspektive der Betroffenen. Die PrĂ€misse des Buches ist, dass „ClankriminalitĂ€t“ als Konzept zu begreifen ist, das von Politik, Justiz, Polizei und Medien konstruiert wurde, um die Betroffenen rassistisch kriminalisieren und stigmatisieren zu können. Werden ethnisch homogene und zugleich kriminell aktive „Clans“ herbeiphantasiert und Ängste geschĂŒrt, so ein Fazit des Buches, lassen sich staatliche Kontrolle, Überwachung und erweiterte Befugnisse fĂŒr Polizei und Justiz leicht legitimieren. 

In 20 analytischen BeitrĂ€gen bietet der Band eine kritische Bestandsaufnahme der laufenden Diskussion und ĂŒberprĂŒft dabei die zentralen Annahmen, die dem Etikett „ClankriminalitĂ€t“ zugrunde liegen. Daneben dokumentieren Erfahrungsberichte Betroffener die von ihnen erlebte Polizeipraxis (Großrazzien bei Gewerbetreibenden, Hausdurchsuchungen) oder diskriminierende Erfahrungen vor Gericht. 

Die Herausgeber:innen stellen einleitend fest, dass die VerknĂŒpfung von KriminalitĂ€t mit ethnischen Zugehörigkeiten den titelgebenden „Generalverdacht“ gegen hunderttausende Menschen geschaffen habe, was empirisch falsch und zugleich „brandgefĂ€hrlich“ sei. Denn auch die AnschlĂ€ge der extremen Rechten (zum Beispiel in Hanau) folgen politisch-medialen Kampagnen, basieren auf völkischen Vorstellungen und haben „aus Menschen potenzielle Terrorist*innen, ‚Clanmitglieder‘, Islamist*innen und Staatsfeinde gemacht“. (Seite 137) 

Eines der fĂŒnf Kapitel des Sammelbandes beschreibt ausfĂŒhrlich die Geschichte der „Clan“-Kriminalisierung. Danach wurden vor allem Menschen, die dem BĂŒrgerkrieg im Libanon entkamen, in den 1990er Jahren in Deutschland systematisch diskriminiert. Ein Mittel war die Praxis der Kettenduldungen, das heißt die wiederholte, befristete Aussetzung der Abschiebung. Den daraus folgenden engen Familienzusammenhalt erklĂ€rt der Mitherausgeber Mohammed Ali Chahrour so: „Wer ohne Schutz und Zugehörigkeit lebt, wem IdentitĂ€t und Daseinsberechtigung abgesprochen werden, dem bleibt nur die Familie. (
) Wenn Menschen keinen Schutz durch Institutionen erfahren, dann kann nur noch der engste Kreis der NĂ€chsten jenes GefĂŒge von Verantwortung und SolidaritĂ€t bieten, jene Umwelt, die es zum Überleben schlichtweg braucht.“ (Seite 43) 

Die These liegt nahe, dass „ClankriminalitĂ€t“ vornehmlich als politischer Kampfbegriff zu werten ist – ein Aspekt, dem sich ein weiteres Kapitel widmet. Die Kriminologin und Juristin Laila Abdul-Rahman bestreitet dabei aus wissenschaftlicher Sicht die behauptete besondere GefĂ€hrlichkeit des PhĂ€nomens. Die amtlich registrierten Straftaten und TatverdĂ€chtigen unterschieden sich kaum von der Allgemein- und insbesondere der JugendkriminalitĂ€t. Nur sieben Prozent der Verfahren wegen Organisierter KriminalitĂ€t richteten sich bundesweit gegen „Clan-Gruppierungen“. (Seite 117) Familien selbst wĂŒrden zum Problem gemacht, die es zu bekĂ€mpfen gelte: „Somit kommt es am Ende kaum noch darauf an, wer tatsĂ€chlich Straftaten begeht, sondern eher darauf, ob man herkunftsbedingt einer Familie angehört, die dem Konstrukt der ‚ClankriminalitĂ€t‘ zugeordnet wird.“ (Seite 118) Auch andere BeitrĂ€ge des Bandes stellen sich der emotional aufgeladenen Debatte und dem Aufbau des Feindbildes „arabische Clans“ mit weiteren empirischen Daten entgegen. So kontrastiere der hohe Verfolgungsdruck mit den maximal 0,6 Prozent, die die „ClankriminalitĂ€t“ an allen Straftatermittlungen ausmache. (Seite 14) 

Die Juristin Mitali Nagrecha zieht gemeinsam mit dem Kulturwissenschaftler Anthony Obst die Verbindung zum sogenannten Sozialbetrug, das heißt dem gesetzeswidrigen Bezug von Sozialleistungen. Detailliert weisen die Autor:innen in ihrem Artikel die verbreitete Darstellung zurĂŒck, nicht-deutsche und nicht-weiße TĂ€ter wĂŒrden mittels großflĂ€chiger Betrugsnetzwerke zu Reichtum gelangen, indem sie das Sozialleistungssystem missbrauchten. (Seite 231) Es handele sich dabei um ein Mediennarrativ, das nicht ohne politische Wirkung sei und nicht nur von der AfD fĂŒr ihr rassistisches Programm ausgeschlachtet wĂŒrde. Einmal mehr wird auch in diesem Beitrag deutlich, wie konstruierte Delikte empirisch nicht zu belegen sind. Denn der hĂ€ufig skandalisierte „Sozialbetrug mit Clan-Bezug“ lĂ€sst sich anhand offizieller polizeilicher Statistiken schlicht nicht begrĂŒnden. Das heißt: er kommt eher selten vor. (Seite 240) 

Das umfangreiche Buch setzt einen dringend notwendigen Kontrapunkt zum herrschenden – weitgehend rassistisch geprĂ€gten  – Diskurs ĂŒber „ClankriminalitĂ€t“ und versorgt die interessierte Leserschaft mit breit gefĂ€chertem und wissenschaftlich fundiertem Wissen, um sich dadurch gut gewappnet in die Auseinandersetzungen um die „Innere Sicherheit“ und die aktuelle deutsche Migrationspolitik einzumischen.

 

Mohammed Ali Chahrour/Levi Sauer/Lina Schmid/Jorinde Schulz/MichĂšle Winkler (Hrsg.):

Generalverdacht. Wie mit dem Mythos ClankriminalitÀt Politik gemacht wird.
Hamburg, Nautilus Flugschrift, 320 Seiten, 2023, 22 Euro

 

 

 

 

 

Afghanistan – vom Scheitern einer Modernisierung von oben

Seit dem Abzug westlicher Truppen und der Flucht der von ihnen gestĂŒtzten Regierung gilt Afghanistan nicht zu Unrecht als „gescheiterter Staat“. Doch wie konnte es soweit kommen? Matin Baraki, gewesener afghanischer Lehrer, spĂ€ter in der Bundesrepublik promovierter Politologe, hat kĂŒrzlich eine grĂŒndlich recherchierte und dokumentierte historische Abhandlung zur jĂŒngeren Geschichte seines Landes vorgelegt. Er schlĂ€gt dabei einen Bogen von der Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg bis hin zur Gegenwart – seine Recherchen enden im MĂ€rz 2023.

Baraki schildert die gesellschaftlichen Strukturen Afghanistans noch in der Mitte des 20. Jahrhundert als feudal geprĂ€gt. 90 Prozent der Bevölkerung lebte auf dem Land, 70 Prozent des nutzbaren Bodens und ein Großteil der WasservorrĂ€te befanden sich im Besitz von Großgrundbesitzern. In den 1930er Jahren zaghaft begonnene AnsĂ€tze einer Industrialisierung wurden durch den 2. Weltkrieg unterbrochen (an diesem Krieg war Afghanistan zwar nicht direkt beteiligt, wurde durch ihn aber wirtschaftlich geschĂ€digt). Da die königlich-afghanische Regierung in der Nachkriegszeit an dem neutralen Status des Landes festhielt und einen Beitritt zu gegen die Sowjetunion gerichteten BĂŒndnissystemen ablehnte, hielt sich westliche Entwicklungshilfe in engen Grenzen. Die das Land wirtschaftlich dominierende traditionell gesonnene Oberschicht von Großgrundbesitzen und HĂ€ndlern war hingegen an der Finanzierung eines Industrialisierungsprogramms nicht interessiert.

Erst mit dem Regierungswechsel des Jahres 1963 setzte die anstehende bĂŒrgerlich-demokratische Umgestaltung langsam ein, 1973 stĂŒrzte dann ein MilitĂ€rputsch die herrschende Dynastie – Afghanistan wurde Republik. Da die nun herrschende bĂŒrgerliche Regierung nichts gegen die in der Bevölkerung grassierende Armut unternahm, wurde auch sie 1978 durch einen Putsch gestĂŒrzt – eine sozialistisch orientierte Fraktion der Demokratischen Volkspartei riss die Macht an sich und begann mit dem Aufbau eines dringend erforderlichen und bisher kaum vorhandenen Gesundheits- und Bildungssystems. Die Hauptursache des Scheiterns dieser „Aprilrevolution“ sieht der Autor in der massiv zunehmenden Korruption und GĂŒnstlingswirtschaft innerhalb der Regierungspartei.

Eines der Hauptthemen des Buches ist die (unter Bezug auf verschiedene Marx-Zitate) immer wieder gestellte Frage des Autors, ob sein Land unter Umgehung des Kapitalismus den Weg hin zu einer von Ausbeutung freien Gesellschaft hÀtte einschlagen können. Diese Frage muss allerdings offen bleiben.

Den Großteil des Buches nimmt die Schilderung der Jahrzehnte von Krieg und BĂŒrgerkrieg ein. Die schwere Krise der afghanischen Gesellschaft meinte damals die FĂŒhrung der Sowjetunion mittels Truppeneinmarsch unter Kontrolle zu bekommen. Was nicht gelang und auch nicht gelingen konnte. Westliche Staaten und arabische Ölmonarchien unterstĂŒtzen hingegen die vom Norden Pakistans aus operierenden afghanischen Stammesmilizen. Nach RĂŒckzug der sowjetischen Einheiten begann nahtlos ein BĂŒrgerkrieg zwischen den bewaffneten Milizen. Und dieser endete schließlich mit einer MachtĂŒbernahme der radikal-islamistischen Taliban. Die dann zwischenzeitlich dank westlicher MilitĂ€rhilfe installierte sogenannte demokratische Regierung brach nach Jahren des BĂŒrgerkrieges wieder zusammen und machte im Jahre 2021 erneut den Taliban Platz.

Der Autor dokumentiert an nicht wenigen Stellen des Buches die ungeheuerliche Korruption der jahrzehntelang von westlichen Truppen gestĂŒtzten afghanischen Regierung. Minister veruntreuten MillionenbetrĂ€ge, die eigentlich fĂŒr den Aufbau eines modernen Schulsystems vorgesehen waren. Auch gab es einen umfĂ€nglichen Schwarzhandel mit gelieferten Waffen. Ein Großteil der regulĂ€ren afghanischen Armee existierte ĂŒberhaupt nicht, da die GenerĂ€le, Minister und Offiziere den Sold fĂŒr nicht vorhandene Soldaten in die eigenen Taschen platzierten und das so ergaunerte Geld dann ins Ausland schmuggelten. Ist die Existenz solcher „Geisterarmeen“ in Kriegs- und BĂŒrgerkriegsgebieten ĂŒblich? Zumindest nicht unĂŒblich. Man muss nur genau hinsehen.

Matin Baraki: Afghanistan – Revolution, Intervention, 40 Jahre Krieg PapyRossa Verlag, Köln 2023, 287 Seiten, 19,90 Euro

Im  Krieg verlieren auch die Sieger

 Einige Leute werden sich erinnern: Die 1983 erschienene ErzĂ€hlung „Kassandra“ der DDR-Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011) galt lange Zeit als Kultbuch der friedensbewegten Linken in Ost- und Westeuropa sowie anderer Teile der Welt. Ist doch die aus der Antike ĂŒberlieferte Geschichte von der Königstochter, die das grausige Ende eines mutwillig vom Zaun gebrochenen Krieges und die Zerstörung ihrer Heimatstadt voraussah, jedoch dazu verdammt war, dass niemand ihr glaubte, ein treffendes Gleichnis fĂŒr die vermeintliche Ohnmacht kritischer Intellektueller gegenĂŒber der Ignoranz und dem Machthunger der jeweils MĂ€chtigen. Die in den 1980er Jahren wegen der NachrĂŒstung mit Mittelstreckenraketen erneut wachsende Gefahr eines Atomkriegs zwischen der Sowjetunion sowie ihren VerbĂŒndeten auf der einen und den NATO-Staaten auf der anderen Seite blieb glĂŒcklicherweise latent. An dessen Stelle trat allerdings der wirtschaftliche Crash Osteuropas, die siegreiche Offensive westlicher Großunternehmen einschließlich einer kaum ĂŒberblickbaren Kette sozialer Grausamkeiten.

Dass Daniela Dahn, nachgelassene DDR-Autorin, gleich zu Beginn ihres kĂŒrzlich erschienenen Buches auf die Legende von Kassandra verweist, ist ganz gewiss kein Zufall. Mit der militĂ€rischen Eskalation des seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen der russischen und der ukrainischen Regierung ist die lange Zeit nur theoretisch bestehende Gefahr eines Atomkriegs wieder höchst real geworden. Als Mitunterzeichnerin eines friedenspolitischen Appells gleich zu Beginn des Krieges musste die Autorin – wie auch andere Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner – eine Unzahl medialer Diffamierungen ĂŒber sich ergehen lassen. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen ist dieses Buch – eine Zusammenstellung von Texten aus den vergangenen drei Jahren: Essays, Artikel und VortrĂ€ge. Und das Ergebnis lĂ€sst sich nicht besser als mit nachfolgend zitiertem Satz auf den Punkt bringen: „Das einzig Perfekte an diesem Krieg ist die Propaganda.“

Daniela Dahn bestĂ€tigt in dem Buch ausdrĂŒcklich, dass die russische Regierung und die hinter ihr stehenden Oligarchen bei der militĂ€rischen Eskalation des bereits schwelenden Konfliktes den ersten Schritt getan und damit Schuld auf sich geladen haben. Sie verweist aber auch auf den Vormarsch der ukrainischen Nationalisten, auf die von ihnen begangenen schweren Menschenrechtsverletzungen und darauf, dass der russische Angriff „ein Riesengeschenk fĂŒr die Ultrarechten in der Ukraine war“. Und sie betont dass im Falle eines militĂ€rischen Sieges der von ihren westlichen VerbĂŒndeten unterstĂŒtzten ukrainischen Armee die höchst reale „Gefahr einer atomaren Kurzschlussreaktion“ besteht – eine Gefahr, die von westlicher Seite her kleingeredet oder aber ganz bewusst ausgeklammert wird. Ebenso, wie mittlerweile ausgeklammert wird, dass zuerst die sowjetische Volkswirtschaft, spĂ€ter dann der mehrheitlich staatseigene russische Konzern Gazprom fĂŒnfzig Jahre lang ein zuverlĂ€ssiger und vertragstreuer Handelspartner der meisten ost- und westeuropĂ€ischen Volkswirtschaften war.

Auch hinterfragt die Autorin die oft getĂ€tigte Behauptung, dass der russische Einmarsch in die Ost-Ukraine ein einmaliges, das europĂ€ische Sicherheitssystem erschĂŒtterndes Ereignis ist. Sie erinnert an das militĂ€rische Eingreifen der NATO in den jugoslawischen BĂŒrgerkrieg inklusive der Bombardierung von Belgrad und anderen StĂ€dte. Und die kaum zu zĂ€hlenden PropagandalĂŒgen bei diesem und anderen Kriegen. Und auch an die Verstrickungen vom Sohn des derzeitigen US-PrĂ€sidenten in mafiöse GasgeschĂ€fte, von denen seit Beginn der militĂ€rischen Eskalation plötzlich nicht mehr geredet wird. Die AufzĂ€hlung der aus der kritischen Öffentlichkeit verbannten Fakten, die man in dem Buch wieder nachlesen und sich ins GedĂ€chtnis zurĂŒckrufen kann, ließe sich fortsetzen.

Nein, eine grundlegende Gesellschaftsanalyse findet sich in dem Buch nicht. Es ist ein verzweifelter Schrei nach Frieden. Und genau deshalb sollte er jetzt – in einer Zeit zunehmender wirtschaftlicher und militĂ€rischer Konfrontation – ernstgenommen werden.

Daniela Dahn: „Im Krieg verlieren auch die Sieger. Nur der Frieden kann gewonnen werden“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Berlin 2022, 221 Seiten, 16,00 Euro

 

 

Anklageschrift gegen fĂŒhrenden Unternehmensberater

Bei Unternehmen und staatlichen Institutionen geht ohne Unternehmensberatung hĂ€ufig gar nichts. Unternehmensberater wie McKinsey & Co. prĂ€gen deshalb sowohl Wirtschaftsprozesse als auch gesellschaftliche LebensverhĂ€ltnisse entscheidend mit – und verdienen damit Unsummen an Geld. In ihrem im Oktober 2022 zuerst in den USA veröffentlichten „Schwarzbuch McKinsey“ legen die beiden Investigativ-Journalisten der „New York Times“, Walt Bogdanich und Michael Forsythe, nun eine Skandalchronik der weltweit wichtigsten Unternehmensberatung vor. Es ist das bisher aktuellste einer ganzen Reihe von in den vergangenen Jahren erschienenen kritischen BĂŒchern verschiedener Autor:innen ĂŒber McKinsey – einem Unternehmen, das wohl stellvertretend fĂŒr die gesamte Consulting-Branche angeprangert werden soll.

Nach eigenen Angaben arbeiten rund 35.000 Mitarbeiter:innen von McKinsey in mehr als 130 StĂ€dten und 65 LĂ€ndern. Die beiden Autoren gehen primĂ€r der Frage nach, mit welchen Methoden dieser riesige und mit ĂŒber zehn Milliarden Dollar Jahresumsatz international fĂŒhrende Strategieberater vorgeht und welche politischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen seiner TĂ€tigkeit bisher beobachtet werden konnten. Geschieht etwas Skandalöses, stehen die Kunden von McKinsey in der Kritik, da sie fĂŒr die Folgen ihres Handelns verantwortlich sind. Die Berater, die sie instruiert haben, bleiben dagegen weitgehend verborgen und damit aus der Schusslinie der öffentlichen Kritik. Der Anspruch der amerikanischen Journalisten ist es deshalb, die „fragwĂŒrdigen Praktiken“ (Untertitel des Buches) McKinseys aus den letzten Jahrzehnten auf Basis umfangreicher Recherchen ans Licht zu zerren (oder auch der Öffentlichkeit bereits bekannte FĂ€lle der Öffentlichkeit wieder in Erinnerung zu rufen). Die beiden Autoren haben (laut Schutzumschlag des Buches) Hunderte GesprĂ€che mit Insidern gefĂŒhrt und „zehntausende vertrauliche Dokumente“ eingesehen mit dem Ziel, weiter am Lack von McKinsey zu kratzen.

Bogdanich und Forsythe listen in dem Buch detailliert auf, bei welchen strittigen oder kriminell anmutenden AktivitĂ€ten von Unternehmen Mitarbeiter:innen von McKinsey ihre Finger mit im Spiel hatten. AngefĂŒhrt wird eine Vielzahl von FĂ€llen, hier nur einige Beispiele:
2014 engagierte der Konzern U.S. Steel McKinsey, um den Stahlkonzern wieder auf Gewinnkurs zu bringen. Die Berater implementierten einen „transformativen“ Businessplan, um unter anderem Wartungskosten zu senken. Dutzende Mechaniker wurden entlassen, Hunderte beruflich herabgestuft. Tödliche ArbeitsunfĂ€lle waren die voraussehbare Folge.
In den Freizeitparks von Disneyland wurde ebenfalls die „wirtschaftliche Effizienz“ durch einen Umbau der Wartungsarbeiten gesteigert. Ein Jahr lang hatten Consultants von McKinsey die Walt Disney Company analysiert; die wenig ĂŒberraschenden Empfehlungen folgten 1997: die Instandhaltung von FahrgeschĂ€ften sollte eingeschrĂ€nkt, ArbeitsplĂ€tze gestrichen und Aufgaben an externe Dienstleister outgesourct werden. Auch hier fĂŒhren die Autoren die nachfolgenden tödlichen UnfĂ€lle in einzelnen VergnĂŒgungsparks (z. B. in einer Achterbahn) zurĂŒck auf das „eiskalte KostensenkungskalkĂŒl, das die Firma zum Klassenbesten der Unternehmensberatungen gemacht hatte“. (Seite 31)
Seit der globalen Finanzkrise spielte McKinsey eine entscheidende Rolle bei der Umgestaltung des britischen Gesundheitsdienstes „National Health Service“ (NHS). Wegen dem gewaltigen Haushaltsdefizit sollten umfangreiche KĂŒrzungen des NHS-Budgets vorgenommen werden. McKinsey schlug im MĂ€rz 2009 Einsparungen in Höhe von 20 Milliarden Pfund vor; diese sollten durch den Abbau von rund zehn Prozent der NHS-Belegschaft ermöglicht werden. Die beiden Autoren verdeutlichen, wie eng mittlerweile die Bindung der britischen Regierung mit dem privaten Consulting ist. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Regierung den nationalen Gesundheitsdienst noch ganz ohne die Hilfe von Beratern auf die Beine stellen. 313 Millionen Pfund gab der NHS jetzt allein im Jahr 2010 fĂŒr Consultingfirmen aus.
Als schockierendster Fall des Buches gelten McKinseys Beratungsleistungen fĂŒr die US-amerikanische Firma Purdue Pharma, einem Hersteller von Schmerzmitteln mit hohem Suchtpotenzial (Opioiden). Von 2004 bis 2019 erhielt McKinsey insgesamt 83,7 Millionen Dollar Beratungshonorar, um „das Verlangen der Nation nach dem Schmerzmittel OxyContin“ (Seite 198) zu schĂŒren. Die Autoren sprechen von 750.000 Menschen, die infolge einer Epidemie starben, die damals durch den Verkauf des Schmerzmittels in Gang gesetzt wurde.

McKinsey, so heißt es in dem Buch weiter, habe auch die amerikanische Aufsichtsbehörde beraten, deren Aufgabe es war, die Auswirkungen des Skandals in den Griff zu bekommen: „Auch hier kam die Doppelrolle von McKinsey als Berater der Regulierten und der Regulierungsbehörde ins Spiel.“ (Seite 220) Gleiches geschah in China, wo McKinsey einen staatlichen Baukonzern beim Aufbau militĂ€rischer Infrastruktur beriet, zugleich aber auch fĂŒr das US-Pentagon arbeitete, die die chinesischen PlĂ€ne als Bedrohung auffasste. Zur GeschĂ€ftspolitik von McKinsey gehört es offensichtlich, zur gleichen Zeit verschiedene Unternehmen zu beraten, die auf demselben Markt miteinander konkurrieren.
McKinsey arbeitete auch fĂŒr die deutsche Spitzenpolitik: Insbesondere die Bundesregierung gehört zu ihren Dauerklienten, so auch das Bundesverteidigungsministerium. Zur Erinnerung: Nachdem Ursula von der Leyen im Jahr 2013 das Ministerium ĂŒbernommen hatte, holte sie selbst Unternehmensberatungen ins Haus, um Probleme im Beschaffungswesen zu lösen. In der 2018 bekanntgewordenen „BerateraffĂ€re“ wurde von einem eingesetzten Untersuchungsausschuss zwar kein strafbares Fehlverhalten der damaligen Verteidigungsministerin festgestellt. Deutlich wurde aber, dass unter ihrer Verantwortung McKinsey „mehrere auf unrechtmĂ€ĂŸige Weise freihĂ€ndig vergebene AuftrĂ€ge erhalten hatte“ (Seite 386). Vergaberegeln seien schlicht missachtet worden. SĂŒffisant gehen die Autoren in diesem Zusammenhang auf die besonderen Beziehungen von der Leyens – wĂ€hrend ihrer Zeit als Bundesministerin und der Auftragsvergaben an McKinsey – zu der Beratungsfirma ein: „WĂ€hrend sie als Verteidigungsministerin fungierte, waren zwei ihrer Sprösslinge fĂŒr McKinsey tĂ€tig“. (Seite 387)

TatsĂ€chlich gilt McKinsey nach wie vor als attraktive Adresse fĂŒr Neueinsteiger, da die Bewerberzahlen trotz hartem Auswahlverfahren gigantisch zu sein scheinen. Vielleicht wird sich das aber Ă€ndern, denn die Kritik an dem BranchenfĂŒhrer wird immer lauter. Die Diskrepanz zwischen Eigendarstellung und tatsĂ€chlicher Beratungspraxis sticht einfach zu sehr ins Auge. So hĂ€lt die Skandalfirma an ihrem Image als „werteorientiert“ fest und stellt sich etwa auf ihrer Webseite als „values-driven organization“ vor, die „high ethical standards“ folgt. Die akribisch vorbereitete und umfangreiche „Anklageschrift“ der beiden Autoren dementiert diese Selbstinszenierung vehement.

Walt Bogdanich/Michael Forsythe: Schwarzbuch McKinsey. Die fragwĂŒrdigen Praktiken der weltweit fĂŒhrenden Unternehmensberatung, Econ, Berlin, 2022, 496 Seiten, 24,99 Euro

Im  Krieg verlieren auch die Sieger

Einige Leute werden sich erinnern: Die 1983 erschienene ErzĂ€hlung „Kassandra“ der DDR-Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011) galt lange Zeit als Kultbuch der friedensbewegten Linken in Ost- und Westeuropa sowie anderer Teile der Welt. Ist doch die aus der Antike ĂŒberlieferte Geschichte von der Königstochter, die das grausige Ende eines mutwillig vom Zaun gebrochenen Krieges und die Zerstörung ihrer Heimatstadt voraussah, jedoch dazu verdammt war, dass niemand ihr glaubte, ein treffendes Gleichnis fĂŒr die vermeintliche Ohnmacht kritischer Intellektueller gegenĂŒber der Ignoranz und dem Machthunger der jeweils MĂ€chtigen. Die in den 1980er Jahren wegen der NachrĂŒstung mit Mittelstreckenraketen erneut wachsende Gefahr eines Atomkriegs zwischen der Sowjetunion sowie ihren VerbĂŒndeten auf der einen und den NATO-Staaten auf der anderen Seite blieb glĂŒcklicherweise latent. An dessen Stelle trat allerdings der wirtschaftliche Crash Osteuropas, die siegreiche Offensive westlicher Großunternehmen einschließlich einer kaum ĂŒberblickbaren Kette sozialer Grausamkeiten.

Dass Daniela Dahn, nachgelassene DDR-Autorin, gleich zu Beginn ihres kĂŒrzlich erschienenen Buches auf die Legende von Kassandra verweist, ist ganz gewiss kein Zufall. Mit der militĂ€rischen Eskalation des seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen der russischen und der ukrainischen Regierung ist die lange Zeit nur theoretisch bestehende Gefahr eines Atomkriegs wieder höchst real geworden. Als Mitunterzeichnerin eines friedenspolitischen Appells gleich zu Beginn des Krieges musste die Autorin – wie auch andere Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner – eine Unzahl medialer Diffamierungen ĂŒber sich ergehen lassen. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen ist dieses Buch – eine Zusammenstellung von Texten aus den vergangenen drei Jahren: Essays, Artikel und VortrĂ€ge. Und das Ergebnis lĂ€sst sich nicht besser als mit nachfolgend zitiertem Satz auf den Punkt bringen: „Das einzig Perfekte an diesem Krieg ist die Propaganda.“

Daniela Dahn bestĂ€tigt in dem Buch ausdrĂŒcklich, dass die russische Regierung und die hinter ihr stehenden Oligarchen bei der militĂ€rischen Eskalation des bereits schwelenden Konfliktes den ersten Schritt getan und damit Schuld auf sich geladen haben. Sie verweist aber auch auf den Vormarsch der ukrainischen Nationalisten, auf die von ihnen begangenen schweren Menschenrechtsverletzungen und darauf, dass der russische Angriff „ein Riesengeschenk fĂŒr die Ultrarechten in der Ukraine war“. Und sie betont dass im Falle eines militĂ€rischen Sieges der von ihren westlichen VerbĂŒndeten unterstĂŒtzten ukrainischen Armee die höchst reale „Gefahr einer atomaren Kurzschlussreaktion“ besteht – eine Gefahr, die von westlicher Seite her kleingeredet oder aber ganz bewusst ausgeklammert wird. Ebenso, wie mittlerweile ausgeklammert wird, dass zuerst die sowjetische Volkswirtschaft, spĂ€ter dann der mehrheitlich staatseigene russische Konzern GAZPROM fĂŒnfzig Jahre lang ein zuverlĂ€ssiger und vertragstreuer Handelspartner der meisten ost- und westeuropĂ€ischen Volkswirtschaften war.

Auch hinterfragt die Autorin die oft getĂ€tigte Behauptung, dass der russische Einmarsch in die Ost-Ukraine ein einmaliges, das europĂ€ische Sicherheitssystem erschĂŒtterndes Ereignis ist. Sie erinnert an das militĂ€rische Eingreifen der NATO in den jugoslawischen BĂŒrgerkrieg inklusive der Bombardierung von Belgrad und anderen StĂ€dte. Und die kaum zu zĂ€hlenden PropagandalĂŒgen bei diesem und anderen Kriegen. Und auch an die Verstrickungen vom Sohn des derzeitigen US-PrĂ€sidenten in mafiöse GasgeschĂ€fte, von denen seit Beginn der militĂ€rischen Eskalation plötzlich nicht mehr geredet wird. Die AufzĂ€hlung der aus der kritischen Öffentlichkeit verbannten Fakten, die man in dem Buch wieder nachlesen und sich ins GedĂ€chtnis zurĂŒckrufen kann, ließe sich fortsetzen.
Nein, eine grundlegende Gesellschaftsanalyse findet sich in dem Buch nicht. Es ist ein verzweifelter Schrei nach Frieden. Und genau deshalb sollte er jetzt – in einer Zeit zunehmender wirtschaftlicher und militĂ€rischer Konfrontation – ernstgenommen werden.

Daniela Dahn: „Im Krieg verlieren auch die Sieger. Nur der Frieden kann gewonnen werden“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Berlin 2022, 221 Seiten, 16,00 Euro

AuszĂŒge aus Rezensionen zu einem aktuellen Buch ĂŒber fĂŒnf deutsche Unternehmerdynastien mit Nazi-Vergangenheit

David de Jong: Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 496 Seiten, 28 Euro.

Ela Maartens/Verena Nees auf der World Socialist Web Site:

 „Dieses Buch kommt zur richtigen Zeit. Landauf landab wird die Kriegstrommel gerĂŒhrt und behauptet, die herrschenden Eliten Deutschlands setzten sich fĂŒr Demokratie und Freiheit des ukrainischen Volkes ein. Wer die verlangten Opfer fĂŒr die RĂŒstungsausgaben ablehnt – Inflation, Mietschulden, Armut und Arbeitslosigkeit –, wird als UnterstĂŒtzer von russischer Tyrannei, wer Angst vor einem Atomschlag Ă€ußert, als Feigling bezeichnet.

In Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien, das Ende Mai 2022 erschienen ist, zeigt der niederlĂ€ndische Finanzjournalist David De Jong, was die wirkliche Haltung der deutschen herrschenden Klasse zur Demokratie war und heute noch ist. (
) Detailliert und gut recherchiert schildert er die engen Verstrickungen einiger der grĂ¶ĂŸten deutschen Unternehmerdynastien mit den Nationalsozialisten und zeigt auf, wie sie nach dem Krieg erneut ihren Reichtum vermehren und den Ton in Wirtschaft und Finanzwelt angeben, ja sogar erneut faschistische Gruppierungen finanzieren konnten.

Ins Zentrum seines Buchs rĂŒckt er fĂŒnf Oligarchenfamilien, deren Vergangenheit – anders als bei Krupp, Thyssen, Siemens, Deutsche oder Dresdner Bank – lange im Dunkeln geblieben war: Die Firmenimperien von Quandt, August Baron von Finck, Friedrich Flick, Dr. Oetker, der Porsche-PiĂ«ch-Clan. Am Ende geht De Jong auf die Albert Reimann Familie und deren im Kaffee- und Snack-Segment agierenden JAB Holding ein, deren Nazi-Vergangenheit erst in neuerer Zeit publik wurde.“

 

Hans-JĂŒrgen Jakobs im Handelsblatt:

„Dramaturgisch konsequent konzentriert sich de Jong auf fĂŒnf FamilienfĂ€lle, die er akribisch aufbereitet, stets um Ă€ußerste Faktengenauigkeit bemĂŒht. Der nĂŒchtern rapportierende Stil kontrastiert mit der EmotionalitĂ€t des Themas, mit der deutschen Schuld, sechs Millionen Juden ermordet zu haben.

VorgefĂŒhrt werden Textilunternehmer GĂŒnther Quandt und Stahlbaron Friedrich Flick, die sich wie Raider der kapitalistischen Neuzeit immer mehr Firmen sicherten, ein Innovator wie Ferdinand Porsche, der Adolf Hitlers Wunsch nach einem ‚Volkswagen‘ aus ingenieurtechnischem Ehrgeiz und aus Erwerbsinteresse gerne nachkam, der knauserige MĂŒnchener Baron August von Finck, der Hitlers Lieblingsprojekt ‚Haus der Kunst‘ in MĂŒnchen aufhalf, oder die Bielefelder Oetker-Familie mit dem eingeheirateten Stramm-Nazi Richard Kaselowsky als Oberhaupt. Das Mitglied im ‚Freundeskreis ReichsfĂŒhrer SS‘ breitete ganz in FĂŒhrers Sinne den Stiefsohn Rudolf-August Oetker auf seine Chefrolle vor. Der ‚Puddingprinz‘ wurde frĂŒh in die Reiter-SA integriert, war SS-Offizier und half nach dem Krieg alten SS-Kameraden.

All diesen Wirtschaftslegenden war gemein, dass sie in kĂŒhler Kosten-Nutzen-Abrechnung vom NS-Zwangssystem opportunistisch profitierten, teilweise schon recht frĂŒh zur Finanzierung von WahlkĂ€mpfen der NSDAP oder von SS und SA bereitstanden und selbst Teil der Kriegs- und Eroberungsmaschinerie wurden. Allesamt waren sie in der NSDAP, der SS oder in beiden Organisationen.“

 

Julia Hubernagel in der taz:

„‚Zukunft braucht Herkunft.‘ Diesen Satz ließ 2019 die Ferry-Porsche-Stiftung verlauten, als sie ihren Willen bekundete, Deutschlands erste Professur fĂŒr Unternehmensgeschichte zu finanzieren. Dabei klingt aber noch eine andere Botschaft mit: Ohne Herkunft besteht in Deutschland nur bedingt Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg.

Dass diese Herkunft meist in der dicken braunen Erde der NS-Zeit wurzelt, lĂ€sst sich noch heute an der Rangliste der reichsten Deutschen ablesen. Jenen Unternehmerdynastien, die besonders von der nationalsozialistischen Herrschaft profitiert haben, hat David de Jong in seinem Buch ‚Braunes Erbe‘ nachgespĂŒrt. Nur einige der Industriemagnaten waren dabei glĂŒhende Nationalsozialisten, befindet der niederlĂ€ndische Journalist. Die meisten waren einfach kĂŒhl kalkulierende, skrupellose Opportunisten.

WĂ€hrend Anton PiĂ«ch so etwa aus Überzeugung gleich zweimal in die NSDAP, zuerst in die österreichische Schwesterpartei, und die SS eintrat, hatten er und sein Schwiegervater Ferdinand Porsche kein Problem damit, ihr AutomobilkonstruktionsbĂŒro 1931 zusammen mit dem jĂŒdischen Kaufmann Adolf Rosenberger zu grĂŒnden. Sieben Jahre spĂ€ter konnten sie ihn als ‚Nichtarier‘ allerdings gĂŒnstig loswerden, um mit der Produktion des ‚Volkswagens‘ ihren Milliardenreichtum zu begrĂŒnden.“

 

Ursula Weidenfeld im Deutschlandfunk Kultur:

„Der Finanzjournalist De Jong erzĂ€hlt am Beispiel von fĂŒnf Unternehmerfamilien – Quandt, Porsche, Flick, von Finck und Oetker –, wie sich deren Chefs Hitler an den Hals geworfen haben. Und er berichtet, wie sich Unternehmenserben bis heute um die Geschichte ihres Erbes herumdrĂŒcken, dessen Dividenden sie doch zu gern genießen. Er schildert, wie atemberaubend naiv diese Erben gelegentlich sind, wie zögerlich oder intrigant andere ihre Verantwortung leugnen. (
)

De Jong zieht von den GroßvĂ€tern, die die barbarischen Möglichkeiten der Nazi-Zeit – Zwangsarbeit, Arisierung, Kriegswirtschaft – nutzten, so etwas wie eine Charakter-Linie zu ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, die bis heute von diesen Vermögen profitieren. FĂŒr die Quandts, die Flicks, die Porsches, die Oetkers und die von Fincks hat De Jong recherchiert, wie sie zu Nationalsozialisten wurden, was sie davon hatten, und wie sie diesen Teil ihrer Biografie nach 1945 abwuschen.

Das taten sie so erfolgreich, dass der Quandt-Enkel Stefan in einem Interview sagen konnte, sein Großvater sei kein ĂŒberzeugter Nationalsozialist gewesen. Den Erben bescheinigt De Jong eine Ă€hnliche MentalitĂ€t: Der Geschichte ihrer Unternehmen stellten sie sich nur, wenn sie von der Öffentlichkeit dazu gezwungen wĂŒrden.

Nicht alle Unternehmer waren von Anfang an glĂŒhende Nationalsozialisten, doch die fĂŒnf haben den Aufstieg Hitlers unterstĂŒtzt und finanziert, und mehr als die meisten anderen haben die fĂŒnf Familien bis weit in die Nachkriegszeit davon profitiert. (
)

Es sind dieselben Charaktereigenschaften – GeschĂ€ftssinn, Opportunismus, AnpassungsfĂ€higkeit – die ihnen den Neuanfang nach 1945 erleichtern. Die Unternehmer werden kurzzeitig interniert, sie werden entnazifiziert, nur einer von ihnen muss wegen Kriegsverbrechen ins GefĂ€ngnis.

Die anderen bekommen ihr Vermögen schnell zurĂŒck. FĂŒr den Kalten Krieg und das Wirtschaftswunder werden Unternehmer gebraucht, da wollen weder die Westalliierten noch die Politiker der jungen Bundesrepublik genau hinschauen – zumal sich einige der UnternehmensfĂŒhrer auch den neuen Parteien im neuen Land gegenĂŒber wieder ausgesprochen großzĂŒgig zeigen.

1970 sind die Herren Flick, von Finck, Quandt und Oetker die reichsten GeschĂ€ftsleute Deutschlands. So, als wĂ€re nie etwas gewesen.“

 

Marcus Jung in der FAZ:

„Der Autor, dessen jĂŒdische Familie von den Nazis verfolgt und teilweise ermordet wurde, klagt nicht die Deutschen allgemein an, im Mittelpunkt seiner Recherchen stehen die reichsten Unternehmerfamilien des Landes: die Quandts, die Flicks, die Oetkers, die Reimanns, die von Fincks sowie die Familien Porsche und PiĂ«ch. Das Buch beruht dabei auf zahlreichen Artikeln de Jongs fĂŒr den Wirtschaftsdienst Bloomberg. Er will mehr Transparenz in bislang aus seiner Sicht nur unzureichend beleuchtete Kapitel ihrer Unternehmensgeschichte bringen. TatsĂ€chlich haben sich noch nicht alle großen deutschen Unternehmen ihrer Geschichte im Dritten Reich gestellt, doch de Jongs Vorwurf ist zu pauschal. Viele deutsche Konzerne und Banken haben in den vergangenen Jahren ihre Archive geöffnet, um sich der Verantwortung zu stellen. Die Industriellenfamilie Quandt beauftragte etwa den namhaften Historiker Joachim Scholtyseck. Sein Gutachten gilt als wegweisend fĂŒr die wissenschaftliche Aufarbeitung von Unternehmenshistorien wĂ€hrend der NS-Zeit. Auch andere Unternehmen wie Adidas, Porsche, Oetker, Sartorius, Continental und Freudenberg gewĂ€hrten namhaften Forschern Zugang, um sich der unbequemen Wahrheit zu stellen. Auch Bahlsen hat nach dem Fauxpas einen Wirtschaftshistoriker damit beauftragt, zu untersuchen, welche Rolle die Zwangsarbeit im Unternehmen gespielt hat. Dass es sich dabei nur um beschönigende Auftragsarbeiten handelt, wie de Jong suggeriert, kann nicht behauptet werden. Er aber setzt sich mit ihnen auf lediglich 40 Seiten auseinander. (
)

Lesenswert ist sein Buch dennoch: Die Protagonisten von ‚Braunes Erbe‘ sind bis auf wenige Ausnahmen schon wĂ€hrend des Deutschen Kaiserreichs wohlhabend gewesen. Ihr kaufmĂ€nnisches GespĂŒr, gepaart mit ihrem extremen Opportunismus, traf auf die aufstrebende, anfangs chronisch vor der Pleite stehende Organisation der Nationalsozialisten. Erst dieses Zusammentreffen legte fĂŒr die Industrie- und Finanzbarone die Basis fĂŒr den Aufstieg in noch höhere SphĂ€ren. Ihre Familiengeschichte kann der Leser im Anhang durch StammbĂ€ume bis zum heutigen Tag verfolgen.“

Quellen:

Ela Maartens/Verena Nees: „‚Braunes Erbe‘ von David de Jong: Wie Hitlers Geldgeber noch heute im GeschĂ€ft sind“, World Socialist Web Site, 15. Oktober 2022

https://www.wsws.org/de/articles/2022/10/14/brau-o14.html

Hans-JĂŒrgen Jakobs: „Wie deutsche Unternehmen mit ihrer Nazi-Vergangenheit umgehen“, Handelsblatt (Online) vom 8.5.2022

https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/literatur/rezension-wie-deutsche-unternehmen-mit-ihrer-nazi-vergangenheit-umgehen/28307660.html

Julia Hubernagel: „Braun bis ins Mark“, taz (Online) vom 10. August 2022

https://taz.de/Sachbuch-von-David-de-Jong/!5868518&

Ursula Weidenfeld: „Reich durch Puddingpulver und Zwangsarbeit“, Deutschlandfunk Kultur am 21. Mai 2022 (Sendung „Lesart“)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/david-de-jong-braunes-erbe-kritik-100.html

Marcus Jung: „Opportunisten und MitlĂ€ufer“, FAZ (Online) vom 10. Juli 2022

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsbuecher-rezension-david-de-jong-braunes-erbe-18160145.html

Totaler Kapitalismus

Bereits im Jahr 2015 erschien in BIG Business Crime ein Artikel, der sich mit damals aktuellen Utopien libertĂ€rer Vordenker auseinandersetzte (BIG Nr. 2/2015). Im MĂ€rz 2021 berichtete BIG dann ĂŒber PlĂ€ne des US-Bundesstaats Nevada, auf seinem Territorium sogenannte Innovationszonen einzurichten, in denen ohne demokratische Legitimation ganze StĂ€dte neu aufgebaut und investierenden Unternehmen die staatlichen Hoheitsrechte ĂŒbertragen werden sollen (Justiz, Polizei, Schulen). Schon in den 2000er Jahren kursierte die Idee, in „EntwicklungslĂ€ndern“ staatenlose Enklaven zu bilden, fĂŒr deren Rechtssicherheit und Verwaltung westliche PartnerlĂ€nder zu sorgen hĂ€tten („Charter Cities“). Solche von vollstĂ€ndiger unternehmerischer Freiheit geprĂ€gte ModellstĂ€dte gelten als Weiterentwicklung der seit den 1990er Jahren weltweit bekannten Sonderwirtschaftszonen.

In seinem neuen Buch „PrivatstĂ€dte“ beschreibt der Soziologe und Publizist Andreas Kemper detailliert, wie sogenannte Libertarians oder Anarchokapitalisten nun den nĂ€chsten Schritt gehen und die ideologische BegrĂŒndung fĂŒr „freie PrivatstĂ€dte“ und deren praktische Errichtung vorantreiben. Deren Vorhaben, so der Autor, werde mit dem Argument legitimiert, dass die Beschneidung des Eigentums an Produktionsmitteln durch Demokratie und Gerechtigkeitspostulate die gesellschaftliche StabilitĂ€t gefĂ€hrden wĂŒrde.

Da es aber letztlich auch hier darum gehe, in abgegrenzten rĂ€umlichen Gebieten, die nur der Marktlogik unterworfen sind, dem Schutz von Investoren bzw. Kapitaleignern höchste PrioritĂ€t einzurĂ€umen und zugleich jegliche sozialstaatlichen Leistungen abzuschaffen, spricht Kemper in Anlehnung an den französischen Ökonomen Thomas Piketty von einem „Enklaven-Proprietarismus“. Gemeint ist eine Ideologie, „die das Recht von EigentĂŒmer*innen, ihre Produktionsmittel zu besitzen und möglichst uneingeschrĂ€nkt zu nutzen, als wichtiger erachtet als alle anderen Rechte“ (Seite 141f.). Die Strategie, PrivatstĂ€dte zu errichten, bezeichnet der Autor als „Privarismus“ (von lat. privare: rauben) (Seite 8). Denn das Ziel sei es, den Bewohner dieser StĂ€dte ihre Rechte wegzunehmen und so einen von demokratischen Verfahren losgelösten Kapitalismus durchzusetzen (ohne Gewerkschaften, allgemeine Wahlen usw.).

Der Autor gliedert seine Darstellung in zwei Teile: Im ersten erlĂ€utert er die Ideologie und die Netzwerke der Privatstadt-Bewegung, im zweiten geht er auf die Entwicklung einzelner konkreter Projekte ein. Dabei liegt der Fokus auf Honduras, einem der Ă€rmsten LĂ€nder Lateinamerikas. Nach einem rechten Putsch im Jahr 2009 öffnete sich der Staat fĂŒr die Einrichtung einer von seinem Rechtssystem abgekoppelten Charter City unter der Schirmherrschaft eines reichen westlichen Landes. In einem Interview mit dem Neuen Deutschland vom 10. Mai 2022 erlĂ€uterte Kemper, die Vorstellung sei gewesen, dass die neue Stadt als eine Art Leuchtturm auf den Rest des Landes abstrahlen sollte. Unter dem Einfluss der globalen proprietaristischen Netzwerke hĂ€tte sich das Projekt jedoch radikalisiert, so dass bald die GrĂŒndung einer Stadt ohne jegliche staatliche Beteiligung und unter rein privatwirtschaftlicher Verwaltung ins Auge gefasst worden sei.

Diese erste Phase endete jedoch 2012, als der dortige Oberste Gerichtshof das Vorhaben als verfassungswidrig einstufte. Diese Niederlage, so Kemper, leitete jedoch eine erfolgreiche zweite Phase der Entwicklung von PrivatstĂ€dten ein, die bis heute andauere. Im Jahr 2013 wurde die gesetzliche Grundlage fĂŒr „Sonderzonen fĂŒr BeschĂ€ftigung und Entwicklung“ (Zona de empleo y desarrollo econĂłmico – ZEDE) geschaffen, um die ModellstĂ€dte zu ermöglichen. Die honduranische Regierung ernannte im Jahr darauf einen international besetzten Aufsichtsrat fĂŒr die ZEDEs, der klar von Mitgliedern proprietaristischer Netzwerke dominiert wurde. Im Jahr 2020 erfolgte der Startschuss fĂŒr die Sonderzone PrĂłspera auf der honduranischen Insel RoatĂĄn.

Kemper illustriert an diesem Beispiel die Demokratiefeindlichkeit der Privatstadt-PlĂ€ne. So sei in PrĂłspera „eine Form von StĂ€ndedemokratie“ vorgesehen (Seite 100). Nur drei von neun Mitgliedern des fĂŒr die Verwaltung zustĂ€ndigen Gremiums sollen von den Bewohnern gewĂ€hlt werden, die Mehrzahl der Stimmen soll den Land- und Grundbesitzern vorbehalten bleiben. In anderen ZEDEs scheint gar kein Wahlrecht geplant zu sein.*

Kemper geht auch auf die Verbindungen des Proprietarismus mit deutschen Akteuren und Institutionen ein. So trat der deutsche Unternehmer Titus Gebel, einer der Vordenker der Bewegung, im April 2019 im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung des Landes Hessen und des Verlags DIE ZEIT auf. Bei der „5. Jahrestagung Öffentliches Bauen“ durfte er den Eröffnungsvortrag halten und ĂŒber seine Vorstellung von „Freien PrivatstĂ€dten“ sprechen. Auch wird er mit den Worten zitiert: „Wenn Sie einen Sicherheitsdienstleister haben und sich sonst um ihre eigenen Angelegenheiten kĂŒmmern können – wozu brauchen Sie dann noch Demokratie?“ (Seite 86) Verschiedene UniversitĂ€ten trugen ebenfalls zur Propagierung des PrivatstĂ€dte-Konzepts bei. Die TUM international GmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen, organisierte zum Beispiel im Jahr 2019 eine Investorenkonferenz zur Finanzierung des demokratiefreien Privatstadtprojekts auf der Insel RoatĂĄn.

Im Sommer 2020 wurde bekannt, dass das international renommierte britische ArchitekturbĂŒro Zaha Hadid Architects fĂŒr das PrĂłspera-Projekt WohngebĂ€ude entwarf. Nicht ganz zufĂ€llig, denn der deutsche Architekt und Hochschullehrer Patrik Schumacher, Teilhaber des BĂŒros in London, setzt sich konsequent fĂŒr eine Radikalisierung des Neoliberalismus ein und hĂ€lt Sozialwohnungen und Maßnahmen fĂŒr billiges Wohnen „fĂŒr schĂ€dliches Teufelszeug“, wie es in einem von Kemper wiedergegebenen Zitat heißt (Seite 95). Selbstredend hĂ€lt er Datenschutz fĂŒr völlig ĂŒbertrieben, spricht sich gegen Arbeitsrechte aus und bezeichnet sich selbst als Sympathisant des Anarcho-Kapitalismus. Da aus dessen Sicht der Ausgleich von sozialen Unterschieden einen unzulĂ€ssigen Eingriff ins Marktgeschehen darstellt, benötigt der Proprietarismus die Rassen- und Klassenbiologie zu seiner eigenen Rechtfertigung, wie Kemper schon zu Beginn seines Buches auf mehreren Seiten ausfĂŒhrt. Ein wichtiger Hinweis, weil der Autor damit auch die in Deutschland fortwirkende Relevanz der sogenannten Sarrazin-Debatte von vor ĂŒber zehn Jahren unterstreicht.

Die von den PrivatstĂ€dte-Propagandisten vorgetragene radikal individualistische Konzeption von Freiheit versteht der Autor letztlich als Ausdruck der Verachtung der Superreichen gegenĂŒber den Armen der Welt. Sie wendet sich gegen jede Idee von Gemeinwohl und sozialen Grundrechten, setzt dagegen auf die langfristige Abschaffung aller bekannten demokratischen Standards. Bislang beziehen sich die Ideen fĂŒr PrivatstĂ€dte zwar auf LĂ€nder des globalen SĂŒdens, die Investitionen mit weitreichenden Konzessionen anlocken wollen. Aber aus diesen Enklaven könnte perspektivisch ein weltweites Netz aus PrivatstĂ€dten entstehen. „Im Kleinen“ wird quasi unter Laborbedingungen erprobt, was zukĂŒnftig auch in Europa Raum greifen soll.

Andreas Kemper hat mit seinen akribisch zusammengetragenen Informationen ein deutliches Signal gesetzt, das eindrĂŒcklich vor dem bislang noch zu wenig beachteten „a-sozialen“ Treiben der selbsternannten Anarchokapitalisten warnt.

* Im April 2022 hat das Parlament von Honduras die Gesetze zur Schaffung von InvestorenstĂ€dten jedoch rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Damit können nun keine neuen ZEDEs mehr errichtet werden. Allerdings scheinen die an den bereits existierenden Projekten beteiligten Investoren ihre Rechte umfassend durch Abkommen mit der honduranischen Regierung abgesichert zu haben. Bereits getĂ€tigte Investitionen im PrĂłspera-Projekt beispielsweise sollen von der Entscheidung des Nationalkongresses ĂŒber die Abschaffung der ZEDEs unberĂŒhrt bleiben (vgl. Armin Rothemann: „Gegen rechtsfreie Ministaaten“, taz am 22. April 2022).

Andreas Kemper: PrivatstĂ€dte. Labore fĂŒr einen neuen Manchesterkapitalismus, Unrast-Verlag, MĂŒnster 2022, ISBN 978-3-897771-175-4, 184 Seiten, 14 Euro

 

Demontage des Gesundheitswesens

Reportagen ĂŒber Defizite und die zunehmende AusdĂŒnnung des deutschen Gesundheitswesens gibt es mittlerweile nicht wenige. Das hier rezensierte Buch wurde allerdings von einem ausgewiesenen Spezialisten geschrieben: Thomas Strohschneider, Facharzt fĂŒr Allgemein- und GefĂ€ĂŸchirurgie, war viele Jahre als Chefarzt in einer privat gefĂŒhrten Klinik tĂ€tig.

Im Vorwort bringt der bekannte Wissenschaftsjournalist Werner Bartens die Aussage des Buches wie folgt auf den Punkt: Die Medizin sei in Gefahr. Diese Gefahr bestehe primĂ€r jedoch nicht im Auftreten neuer Krankheitserreger, sondern in der zunehmenden Kommerzialisierung des Gesundheitswesens und dem dieser Kommerzialisierung zugrunde liegenden Streben nach Gewinnmaximierung. Die „Medizin mit dem Preisschild“ habe die medizinische Ethik ausgehöhlt und die Heilkunst insgesamt „aus der Balance gebracht“.

Strohschneider selbst liefert in den 24 in sich geschlossenen BeitrĂ€gen des Buches eine gekonnte Schilderung der AbgrĂŒnde zunehmender Monetarisierung beim Betreiben deutscher Gesundheitseinrichtungen und verdeutlicht diese durch eingestreute Episoden, welche teilweise auf eigenem Erleben beruhen. So liest man gleich zu Anfang vom Fall eines lebensgefĂ€hrlich erkrankten und psychisch angeschlagenen Obdachlosen. Dessen Behandlung musste von Ärzten gegen heftigen Widerstand der Krankenhausdirektion durchgesetzt werden. Als Ergebnis konnte der Mann dann zwar geheilt und entlassen werden. Kurze Zeit spĂ€ter wurden die betreffenden Abteilungen aber vom KliniktrĂ€ger aber als „unrentabel“ geschlossen und den BeschĂ€ftigten gekĂŒndigt.

Die Ursachen fĂŒr solche FĂ€lle sieht der Autor unter anderem darin, dass die öffentliche Hand sich wĂ€hrend der letzten Jahrzehnte weitgehend aus dem Gesundheitswesen zurĂŒckgezogen habe. Die öffentliche Bezuschussung sei rĂŒcklĂ€ufig. Private Betreiber seien jedoch nicht in erster Linie an dem Wohlergehen der Patient/innen sondern an einer Gewinnmaximierung interessiert. Eigens beauftragte Unternehmensberater durchleuchteten daher zielgerichtet KrankenhĂ€user. Dem FĂŒhrungspersonal  wĂŒrden dann wirtschaftliche Leistungsziele vorgegeben und deren ErfĂŒllung mit zum Teil hochgradig fragwĂŒrdigen Methoden durchgesetzt. Wie im Buch erwĂ€hnt wird, stĂŒnden zudem hinter privaten Krankenhausbetreibern nicht selten Pharmakonzerne, die sich so einen lukrativen Marktanteil sicherten. Den Beginn der Privatisierungs- und Monetarisierungswelle datiert der Autor ĂŒbrigens auf die Jahre 1999 bis 2002 – also auf genau die Zeit, in der die neoliberalen Exzesse der Schröder-Regierung begannen.

Wie Strohschneider weiter schreibt, verfĂŒge mittlerweile jedes kommerziell betriebene Krankenhaus ĂŒber Controlling-Abteilungen, die einerseits auf der Jagd nach zusĂ€tzlichen Abrechnungsmöglichkeiten fĂŒr Behandlungen sind, andererseits aber auch die Kosten erbarmungslos drĂŒcken. Es handele sich, wie der Autor meint, um eine „gefĂ€hrliche Übertragung ökonomischen Denkens auf medizinische AblĂ€ufe“. Qualifiziertes und motiviertes Pflegepersonal habe man „in Scharen aus den Kliniken getrieben“ und durch schlecht ausgebildete und miserabel bezahlte Billiglöhner/innen – meist BeschĂ€ftigte von Leiharbeitsfirmen – ersetzt. Die Fallzahl pro Pflegekraft wurde so in den letzten 25 Jahren fast verdoppelt – inklusive Arbeitshetze und permanenter Überlastung der BeschĂ€ftigten.

Leidtragende dieser Entwicklung seien aber in erster Linie die Patienten. DefizitĂ€re Abteilungen von KrankenhĂ€usern wĂŒrden immer öfter geschlossen, bei der Patientenauswahl selektiert. Nicht selten entschieden mittlerweile Computerprogramme darĂŒber, ob Behandlungen fortgesetzt oder ob die betreffende Person als geheilt entlassen wĂŒrden. Mit zunehmender Außerkraftsetzung der medizinisch-Ă€rztlichen Logik und HumanitĂ€t habe die Vorstellung vom Arzt als „Helfer des hilfesuchenden Patienten (
) in diesem System nur noch wenig Raum“.

Im Buch werden auch Praktiken von Krankenhausleitungen geschildert, die man durchaus als kriminell oder zumindest als grenzwertig charakterisieren kann. So wurden beispielsweise in einigen KrankenhĂ€usern ĂŒber Jahre hinweg Betten als vorhanden gefĂŒhrt, die es nicht mehr gab – die betreffenden Abteilungen hatte man lĂ€ngst geschlossen. Die in öffentlichen Statistiken angegebene Zahl zur VerfĂŒgung stehender Krankenhausbetten entspreche daher nicht der RealitĂ€t. Die Ursache fĂŒr solche Falschmeldungen bestĂŒnde darin, dass ZuschĂŒsse fĂŒr Investitionsmaßnahmen an die Zahl der zur VerfĂŒgung stehenden Betten geknĂŒpft seien.

Als ein anderes Beispiel beschreibt der Autor, dass man Ärzte gezielt unter Druck setzte, Patienten vorzugsweise Prothesen „aus dem unteren und mittleren Preissegment“ zu implantieren. Im schlimmsten Falle könne, wie Strohschneider meint, die verfehlte Auswahl eines solchen Implantates dem jeweiligen Patienten das Leben oder einen Körperteil kosten.

Ein gesondertes Kapitel schildert die AbgrĂŒnde der Privatisierung bis dahin öffentlich betriebener KrankenhĂ€user. Als ein besonders gemeines Beispiel sei hier nur genannt der 2004 unter einem CDU-BĂŒrgermeister umgesetzte Verkauf der Hamburger KrankenhĂ€user an den Gesundheitskonzern Asklepios. Entgegen den Ergebnissen eines diesbezĂŒglichen Volksentscheids zog der Senat die VerĂ€ußerung zu einem Spottpreis durch und feierte dies dann auch noch als Sieg. TatsĂ€chlich stellten, wie der Autor meint, die Kliniken heute ein „Milliardenvermögen“ dar. Strohschneider bezeichnet ĂŒbrigens an anderer Stelle die laufenden Privatisierungsorgien sowie die unausweichlich folgende Durchrationalisierung ehemals öffentlich betriebener KrankenhĂ€user als „Kannibalismus“.

Zu den Resultaten von AusdĂŒnnung und zunehmender Monetarisierung des Gesundheitswesens, die dann beim Ausbruch der Pandemie offenbar wurden, gibt es im Buch leider nicht viel Material. Immerhin findet man eine kurze Schilderung, wie die SANA-Kliniken als drittgrĂ¶ĂŸter privater Klinikbetreiber inmitten der Pandemie etwa 1000 Mitarbeitern aus ihrem Servicebereich kĂŒndigten. Auch thematisiert der Autor die Äußerung des Gesundheitsökonomen Reinhard Busse, der auf dem Höhepunkt der Pandemie „etwa 800 der insgesamt 1.400 AkutkrankenhĂ€user in Deutschlands“ fĂŒr â€žĂŒberflĂŒssig“ erklĂ€rte.

Und natĂŒrlich wird Im Buch die Vergangenheit des derzeitigen Gesundheitsminister Karl Lauterbach erwĂ€hnt, der als Lobbyist der kommerziell betriebenen Gesundheits-Konzerns Rhön-Kliniken viele Jahre an der Demontage des Gesundheitssystems mitwirkte. Die vom Autor in diesem Zusammenhang ausgesprochene Hoffnung, Lauterbach könne sich „vom Saulus zum Paulus“ gewandelt haben, hat sich allerdings bislang nicht bestĂ€tigt. Die Schließung finanziell defizitĂ€rer Kliniken wurde auch nach Ausbruch der Pandemie kaum gebrochen fortgesetzt.

Thomas Strohschneider hat sich nach eigener Aussage das Ziel gestellt, „HintergrĂŒnde und Auswirkungen der gesundheitspolitischen VerĂ€nderungen der letzten Jahre, vor allem im Krankenhauswesen“ zu beschreiben. Dies ist ihm gelungen. Und dass er gegen Ende des Buches als erstrebenswertes Ziel formuliert, KrankenhĂ€user zu „rekommunalisieren“ und sie so „dem Einfluss der Konzerne zu entziehen“, kann man nur als ehrenwert bezeichnen.

Thomas Strohschneider: „Krankenhaus im Ausverkauf. Private Gewinne auf Kosten unserer Gesundheit“, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022, 238 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-86489-371-1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein erhellender Blick hinter die Werkstore

Zur Frage des Zugangs zum Arbeitsmarkt von Migrant:innen liegt bereits eine breite Forschungsliteratur vor. Untersuchungen zu deren konkreten ArbeitsverhĂ€ltnissen gibt es dagegen nur wenige. „Grenzen aus Glas“ dokumentiert deshalb die Ergebnisse einer breit angelegten empirischen Studie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen ĂŒber die Arbeitsbedingungen, die Arbeitsprozesse und die ArbeitskĂ€mpfe im Online-Versandhandel und in der Fleischindustrie. Der Autor Peter Birke und seine Mitarbeiter:innen fĂŒhrten in der Zeit von 2017 bis Mitte 2021 bei Amazon, Tönnies und anderen Unternehmen fast 220 qualitative Interviews durch – vor allem mit BeschĂ€ftigen, aber auch mit Manager:innen, BetriebsrĂ€t:innen und weiteren Expert:innen. Dabei wurde ein breites Spektrum der Migration abgedeckt (geflĂŒchtete Menschen aus Drittstaaten und EU-Migrant:innen). Wichtige Erkenntnisse konnten die Wissenschaftler:innen auch durch Teilnahme an gewerkschaftlichen Aktionen und BeratungsgesprĂ€chen sammeln.

WĂ€hrend der Hochzeit der Corona-Pandemie mit ihren Masseninfektionen standen beide Branchen (als Fallbeispiele fĂŒr den Dienstleistungssektor und die „klassische“ Industrie) kurzzeitig massiv in der öffentlichen Kritik. Deutlich wurde dabei, dass in deren Niedriglohnbereichen fast ausschließlich Menschen ohne deutschen Pass arbeiten. Die Untersuchung setzt aber bereits einige Jahre zuvor an, nimmt das Anwerben und Ankommen der Betroffenen in den Blick und offenbart eindrĂŒcklich die HĂ€rten des Arbeitsalltags mit ihren vielfĂ€ltigen Diskriminierungen.

Online-Handel und Fleischindustrie weisen dabei trotz aller Unterschiede große Ähnlichkeiten auf. Beide Branchen expandieren seit zwanzig Jahren außerordentlich schnell und produzieren auf dem neuesten Stand der Technik. Sie rationalisieren kontinuierlich ihre Arbeitsprozesse, beuten zeitgleich immer neue ArbeitskrĂ€fte zu Niedriglöhnen und unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen aus. Von einem Verschwinden der „Einfacharbeit“ in Zeiten durchdigitalisierter Arbeitsprozesse kann deshalb nicht die Rede sein. Denn in beiden Bereichen muss schwere körperliche und psychische Arbeit geleistet werden. Der Gesundheitsschutz wird hier wie dort oft vernachlĂ€ssigt; die Arbeitszeiten sind lang (mitunter bis zu zwölf Stunden am Tag bei einer 7-Tage-Woche). In der Fleischindustrie wurden in der Vergangenheit sogar körperliche Übergriffe von Vorgesetzten bekannt; im Versandhandel stehen die Arbeitenden unter einer permanenten computergestĂŒtzten Echtzeit-Kontrolle. Auf Seite 64 des Buches heißt es: „So gilt insbesondere das, was man ĂŒber die Arbeitsbedingungen bei Amazon weiß, als Musterbeispiel fĂŒr ein System rigider Zergliederung und Kontrolle der Arbeit in Anwendung digitaler Technologien“.

Der Autor wendet sich jedoch gegen die Verwendung der Bezeichnung „moderne Sklaven“ fĂŒr die BeschĂ€ftigten, selbst wenn sich manche der gefragten Arbeiter:innen selbst so bezeichnen – insbesondere solche in der Fleischindustrie. Denn diese sind keineswegs nur wehrlose Opfer ausbeuterischer Unternehmer. Reflektiert werden in dem Buch deshalb auch die Möglichkeiten der Gegenwehr gegen die „Vernutzung von ArbeitskrĂ€ften“, wie es der Autor formuliert. Viele der Betroffenen entwickeln durchaus vielfĂ€ltige Formen von Alltagswiderstand. Auch fanden in den Jahren 2020 bis 2022 kollektive Protestaktionen statt, ohne dass die breite Öffentlichkeit diese wahrgenommen hĂ€tte. Es gab Tarifstreiks der Gewerkschaft NGG und vor allem im Jahr 2020 etliche „wilde Streiks“ ohne gewerkschaftliche RĂŒckendeckung, stattdessen begleitet von engagierten Beratungsstellen. Dies blieb nicht ohne Erfolg: Das seit Anfang 2021 geltende Arbeitsschutzkontrollgesetz verbietet beispielsweise den Einsatz von WerkvertrĂ€gen in der Fleischindustrie. In den Bereichen Schlachtung und Zerlegung darf nur noch eigenes Stammpersonal der Unternehmen arbeiten. Im vergangenen Jahr konnte durch die Gewerkschaft NGG eine Erhöhung des Mindestlohnes durchgesetzt werden.

Die gefĂŒhrten Interviews belegen auch, dass vor allem in der Fleischwirtschaft wirtschaftskriminelle Praktiken ĂŒblich sind. Befragte berichten davon, dass sie fĂŒr einige Wochen ununterbrochen an sieben Tagen die Woche arbeiten mussten. Die Industriereinigung (Reinigung der Maschineneparks) stellt dabei die „Nachtseite“ der Fleischindustrie dar. Sie wird öffentlich wenig beachtet, umfasst aber einige der gefĂ€hrlichsten TĂ€tigkeiten in der Branche. Da das Arbeitsschutzkontrollgesetz diesen Bereich nicht umfasst, wird diese TĂ€tigkeit auch nach Beginn der Pandemie weiterhin von Serviceunternehmen auf Werkvertragsbasis durchgefĂŒhrt. Interviewte klagten beispielsweise durchgehend darĂŒber, schlecht eingearbeitet worden zu sein:

„Da (gibt es) so eine Art Sicherheitsknopf oder so einen Alarmknopf, wo man (
) drei Mal draufdrĂŒcken muss. (
) Und, ja, (ein Kollege) war neu und wusste auch wohl nichts, hat wohl einmal gedrĂŒckt. Das war schon eher verwunderlich , dass der am StĂŒck wieder rausgekommen ist. (
) ArbeitsunfĂ€lle passieren (auch), weil tendenziell hohe Fluktuation. Also jemand, der zwei, drei Jahre dabei ist, ist schon eigentlich ein ganz alter Hase. Sind viele dabei, die zwei, drei Monate und (dann) wieder wechseln.“ (Seite 216)

Mangelnde Einarbeitung stellt einen wesentlichen Grund fĂŒr UnfĂ€lle und Verletzungen dar. Der Druck auf das Reinigungspersonal nimmt zudem dann stark zu, wenn in Schlachtung und Zerlegung Überstunden anfallen. Letztlich fĂŒhre dies, so der Autor, zu deutlichen Verzögerungen beim Arbeitsbeginn der Reinigungskolonne und einem entsprechend verdichteten Pensum. Dabei komme es dann auch zur illegalen Streichung der arbeitsrechtlich vorgeschriebenen halbstĂŒndigen Pause – die daraus resultierende Arbeitsverdichtung fĂŒhre im Effekt zu UnfĂ€llen. Auch berichten ArbeitskrĂ€fte davon, dass sie fĂŒr den Abschluss eines Arbeitsvertrages – selbstredend illegale – Schmiergelder, oft auch „GebĂŒhren“ genannt, an Vermittler oder Vorgesetzte bezahlen mussten (eine Betroffene nennt den Betrag von 1.200 Euro).

Dennoch hĂ€lt Birke, wie schon erwĂ€hnt, wenig davon, von „modernen Sklaven“ zu reden. Die typische öffentliche Verwendung dieses Begriffs spiegele zudem nicht die „multiple PrekaritĂ€t“ der Betroffenen wider. Dies sei ein wichtiger Aspekt – der Begriff beziehe sich nĂ€mlich nicht nur auf den Arbeitsprozess selbst, sondern schließe die LebensverhĂ€ltnisse insgesamt ein (eingeschrĂ€nkte Aufenthalts- und Sozialrechte, miserable Wohnbedingungen).

Dass sich die BeschĂ€ftigten von Amazon, Tönnies und Co. mit wenigen Ausnahmen nicht vorstellen können, unter den gegebenen Bedingungen lange in den jeweiligen Unternehmen zu arbeiten, wundert deshalb nicht. Mitte 2021 waren rund drei Viertel der GesprĂ€chspartner:innen nicht mehr in dem Betrieb beschĂ€ftigt, in dem sie zum Zeitpunkt der Interviews einen Arbeitsvertrag hatten. Der weitgehend bestehende gesellschaftliche Konsens darĂŒber, dass „Arbeit“ auf jeden Fall gut fĂŒr die gesellschaftliche Integration von geflĂŒchteten Menschen sei – unabhĂ€ngig von den jeweiligen Arbeitsbedingungen – darf deshalb als zynisch anmutender Unsinn bewertet werden. Die vorliegende Studie zeigt, dass diese Form der Erwerbsarbeit  vielmehr einen sozialen Ausschluss zementiert.

Die ankommenden Migrant:innen werden immer wieder mit „glĂ€sernen WĂ€nden“ konfrontiert, die von außen kaum sichtbar, aber fĂŒr die Betroffenen doch spĂŒrbar sind. „Grenzen aus Glas“ werden erlebt als Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt, durch die Tatsache, dass in der Fleischwirtschaft „Eintrittsgelder“ bezahlt werden mĂŒssen, um einen Arbeitsplatz zu erhalten, durch das Tragen markierter Kleidung fĂŒr die Mitarbeiter:innen von Subunternehmen oder das Verbot, PausenrĂ€ume benutzen zu dĂŒrfen, die Festangestellten vorbehalten sind. Migrantische ArbeitskrĂ€fte laufen gegen WĂ€nde, weil sie geltende RechtsansprĂŒche kaum durchsetzen können, denn unter den gegebenen MachtverhĂ€ltnissen lĂ€sst sich erfahrenes Unrecht nur selten korrigieren. „Aber die Frage, wie das Unrecht von vornherein vermieden werden könnte, ruft bei uns allen, den Arbeitenden selbst und den sie begleitenden Angehörigen, Berater*innen, Gewerkschafter*innen, Forschenden – Ratlosigkeit hervor.“ (Seite 221)

Dieser pessimistischen Feststellung hĂ€lt der Autor im ResĂŒmee allerdings eine kĂ€mpferische Ansage entgegen: „Es stellt sich also erstens die Frage, warum man fĂŒr einen Zugang von Migrant*innen zu ArbeitsmĂ€rkten kĂ€mpfen sollte, auf denen praktisch nur derartige und vergleichbare TĂ€tigkeiten angeboten werden. Und zweitens, ob man mit Blick auf die konkrete Ausformung von Produktion und Dienstleistungen nicht sogar fĂŒr eine Abschaffung dieser Art von Arbeit eintreten sollte.“ (Seite 337) Bei einer Buchvorstellung im Rahmen der „Linke Buchtage Berlin“ Mitte Mai 2022 wurde Peter Birke im Hinblick auf die Fleischindustrie noch deutlicher: Die Arbeit dort sei nicht humanisierbar, die Fabriken mĂŒssten geschlossen werden.

Peter Birke: „Grenzen aus Glas. Arbeit, Rassismus und KĂ€mpfe der Migration in Deutschland“, Mandelbaum Verlag, Wien und Berlin 2022, 400 Seiten, 27 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ZuhÀlterei gestern und heute

WirtschaftskriminalitĂ€t ist keineswegs nur auf die Oberschicht beschrĂ€nkt, auch wenn deren AktivitĂ€ten in der Hauptsache zur sozialen Polarisierung der Gesellschaft beitragen. Kriminelle Bandenbildung in den Ghettos und Armutsvierteln der Unterschicht ist mit Sicherheit ebenso alt wie die soziale Ausdifferenzierung der Gesellschaft insgesamt. Dass der österreichische Promedia-Verlag ein Buch zu einem weitgehend unterbelichteten Thema – der sexuellen Ausbeutung des weiblichen Körpers – herausgegeben hat, ist daher vom Grundsatz her zu begrĂŒĂŸen.

Der Autor Manfred Paulus – ein pensionierter deutscher Polizeibeamter – liefert darin allerdings keine soziologische Analyse der kriminellen oder auch weniger kriminellen GeschĂ€ftszweige ZuhĂ€lterei und Prostitution. Sein Anliegen ist eher, einen Nachweis fĂŒr die These zu erbringen, dass ZuhĂ€lterei eine Gefahr fĂŒr die (bĂŒrgerliche) Gesellschaft sei und die gegenwĂ€rtige Gesetzeslage viel zu human sei, um mit dieser Gefahr fertig zu werten.

Statistisches Material findet man in dem Band kaum; das Buch ist eher eine Schilderung ausgewĂ€hlter KriminalfĂ€lle. Wobei diese meist wenig bekannten Fakten oft nicht uninteressant sind. Sehr zu empfehlen ist beispielsweise das Kapitel ĂŒber die Geschichte der ZuhĂ€lterei. Obwohl die Quellenlage eher dĂŒrftig ist, weist der Autor anhand griechischer und römischer Quellen nach, dass es diesen GeschĂ€ftszweig bereits in der Hochantike gab. Die Herrscher des christlichen FrĂŒhmittelalters bemĂŒhten sich dann zwar nach KrĂ€ften, das in ihren Augen sĂŒndhafte Treiben zu unterdrĂŒcken. Aber schon zur Zeit Karls des Großen ist die Existenz stĂ€dtischer Bordelle ĂŒberliefert. Und zur Zeit der Renaissance praktizierten sogar hohe katholische WĂŒrdentrĂ€ger nebenberuflich die TĂ€tigkeit eines ZuhĂ€lters. Wie der Autor weiter schreibt, hĂ€tten allein in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts zwischen 100.000 und 200.000 Frauen hauptberuflich „angeschafft“ –  kurz vor dem 1. Weltkrieg waren es 300.000.

Der Autor weist durchaus zutreffend immer wieder darauf hin, dass es sich bei den in Bordellen und auf dem Straßenstrich arbeitenden Frauen um die eigentlichen Leidtragenden der von ihm angeprangerten VerhĂ€ltnisse handelt. Eine Analyse der sozialen VerhĂ€ltnisse, die Frauen in die Prostitution trieb und immer noch treibt, wird von ihm jedoch peinlich vermieden. Die Schuldigen sind immer kriminelle ZuhĂ€lter. Nun handelt es sich bei diesen Leute zumeist wohl um ausgesprochen unsympathische Figuren. Der Autor thematisiert in diesem Zusammenhang Überschneidungen zwischen verschiedenen kriminellen Gewerben und der Internationalisierung krimineller Strukturen. Von eher historischem Interesse ist die von ihm vorgenommene Analyse der sich zum Teil krass unterscheidenden „Milieus“ deutscher GroßstĂ€dte im 20. Jahrhundert.

Der Autor weist (eher moralisierend) immer wieder darauf hin, dass die meisten „KiezgrĂ¶ĂŸen“ – so sie die immer wieder ausbrechenden kriminellen BandenkĂ€mpfe ĂŒberlebten – spĂ€ter im Elend starben. Die Schlussfolgerung, dass es sich bei ZuhĂ€lterei zum Teil wohl auch um ArmutskriminalitĂ€t handelt, findet sich im Buch allerdings an keiner Stelle. DafĂŒr dokumentiert der Autor eine absurd anmutende Episode, wie der Besitzer eines Eros-Centers in Ulm sich kurz vor der Jahrtausendwende per Adoption in den deutschen Hochadel einkaufte.

Interessant sind die am Ende des Buches dokumentierten AuszĂŒge aus Gesetzestexten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Die vom Autor immer wieder nahegelegte VerschĂ€rfung von Gesetzen hat in der Vergangenheit ĂŒbrigens keineswegs zum Verschwinden von Prostitution und ZuhĂ€lterei, von Menschenhandel und Sexsklaverei gefĂŒhrt. Der Autor weist in einem anderen Zusammenhang selbst darauf hin, dass diese kriminellen Strukturen auch in LĂ€ndern mit heftig repressiver Gesetzeslage weiter blĂŒhen und gedeihen.

Manfred Paulus: ZuhÀlterei gestern und heute.
Über Hurenwirte, Kiezkönige und die Sexsklaverei der Mafia, Promedia Verlag, Wien 2022, 224 Seiten, ISBN 978-3-85371-500-0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cum-Ex als Form der ElitenkriminalitĂ€t – und der Staat schaut zu

Das Buch erschien zum richtigen Zeitpunkt: nur wenige Wochen vor Beginn des lang erwarteten Strafprozesses gegen Steueranwalt Hanno Berger. Dieser – eine zentrale Figur im Cum-Ex-Skandal – steht nach neun Jahren Flucht seit Anfang April 2022 in Bonn vor Gericht.

Allerdings waren die Machenschaften um Cum-Ex schon vor etwa 30 Jahren bekannt. Insider der Finanzszene wussten bereits damals, dass sich Banken und Anleger am Fiskus bereichern, indem sie sich Steuern rĂŒckerstatten ließen, die sie zuvor ĂŒberhaupt nicht bezahlt hatten. Vor nunmehr 20 Jahren befasste sich das Bundesfinanzministerium mit dem Komplex, unternahm aber (wohl unter dem Einfluss der Bankenlobby) trotz vorliegender Hinweise vorerst nichts. Erst weitere zehn Jahre spĂ€ter, im Herbst letzten Jahres, veröffentlichte der Investigativjournalist Oliver Schröm eine erste umfangreiche und spannend geschriebene Monografie („Die Cum-Ex-Files“, erschienen im Ch. Links Verlag) ĂŒber den Megabetrug.

Massimo Bognanni, der vor zwei Jahren bereits an einer preisgekrönten TV-Dokumentation zu Cum-Ex mitgearbeitet hatte, legte jetzt nach. Bognanni weist in dem neuen Buch ebenfalls nach, um was es bei dem Steuerbetrug in Milliardenhöhe letztlich geht: um organisierte KriminalitĂ€t zu Lasten des Gemeinwohls. Es ist zu hoffen, dass die beiden BĂŒcher dazu beitragen, den bislang ausgebliebenen öffentlichen Proteststurm gegen diese Form der WirtschaftskriminalitĂ€t zu entfachen.

Bognanni versucht erst gar nicht, die Cum-Ex-Praxis in ihrer KomplexitĂ€t zu beschreiben. Er belĂ€sst es bei der leicht nachvollziehbaren Einsicht, dass GeschĂ€fte nicht legal oder moralisch vertretbar sein können, bei denen der Staat Steuern erstattet, die nie gezahlt wurden. Der Autor konzentriert sich auf zwei ErzĂ€hlstrĂ€nge. Zum einen dokumentiert er das „jahrzehntelange Versagen des Staates und seiner Institutionen“ (Seite 5), zum anderen folgt er Schritt fĂŒr Schritt der AufklĂ€rung des Skandals und damit der Arbeit der eigentlichen „Heldin“ des Buches – der Kölner StaatsanwĂ€ltin Anne Brorhilker. Diese hat durch ihre unermĂŒdliche Arbeit und auch gegen WiderstĂ€nde in den eigenen Reihen eine Reihe von TĂ€tern vor Gericht gebracht.

Die Verstrickungen des Staatsapparates in die „Steuerbetrugsindustrie“ (Seite 9) belegt der Autor anhand mehrerer Beispiele. So begann erst im Oktober 2014 eine ernstzunehmende Ermittlung gegen Cum-Ex. In elf LĂ€ndern und mit mehr als tausend Beamten wurde damals eine Großrazzia veranstaltet – mit Brorhilker als leitender StaatsanwĂ€ltin. Der Staat hĂ€tte jedoch schon 1992 tĂ€tig werden können. Ein hessischer Börsenaufseher hatte in einem Artikel fĂŒr den vielbeachteten Frankfurter Finanzmarktbericht festgestellt, dass es bei Banken offenbar gĂ€ngige Praxis war, mehrere Steuerbescheinigungen fĂŒr ein und dieselbe Aktie auszustellen. Der Börsenaufseher durchschaute damit „ein perfides System“, so Bognanni. „Denn wer Steuerbescheinigungen ausstellen kann, der kann quasi Geld drucken.“ (Seite 23)

Das Bundesfinanzministerium unter Leitung von Theo Waigel (CSU) sah jedoch keinen Anlass, etwas zu unternehmen. Eine grundsĂ€tzliche Lösung des Problems, so das Ministerium damals, hĂ€tte in „gewissen ZeitrĂ€umen“ zu einem Verbot des Handels sowohl von Aktien als auch im Rahmen von TermingeschĂ€ften fĂŒhren mĂŒssen. Angeblich wĂ€ren eine weitgehende Verlagerung der GeschĂ€fte ins Ausland und damit ein „gravierender Schaden fĂŒr den Finanzplatz Deutschland“ die Folgen gewesen (Seite 25). Im gleichen Zusammenhang sah die Frankfurter Finanzbehörde nach Absprache mit dem Oberstaatsanwalt von Ermittlungsverfahren gegen mehrere Makler ab, die unter dem Verdacht standen, doppelte Steuerbescheinigungen produziert zu haben – mit dem schlichten Verweis auf fehlendes Personal bei der Steuerfahndungsstelle (Seite 28f.).

Neben Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel zeigten sich auch seine Amtsnachfolger SteinbrĂŒck (SPD), SchĂ€uble (CDU) und Scholz (SPD) wenig geneigt, den Cum-Ex-GeschĂ€ften einen wirksamen Riegel vorzuschieben. Unter der Ägide von Peer SteinbrĂŒck etwa wurde im Jahr 2009 zwar eine Meldepflicht eingefĂŒhrt, die jede Bank verpflichtete, „dem Bundeszentralamt fĂŒr Steuern zu melden, wenn die technischen Voraussetzungen fĂŒr Cum-Ex-Deals gegeben waren“. (Seite 240) Offensichtlich wurde eine dann akribisch erstellte Liste mit ĂŒber fĂŒnfhundert EintrĂ€gen von der Behörde aber nicht ĂŒberprĂŒft, auch nicht in Stichproben. Die Aufstellung der VerdachtsfĂ€lle wurde an das Finanzministerium weitergereicht. Was dort damit geschah, blieb jedoch völlig unklar. Bei StaatsanwĂ€ltin Brorhilker, die die Liste dringend gebraucht hĂ€tte, landeten die Informationen jedenfalls erst im Juni 2020.

Ein weiterer Fall fĂŒr das dubiose Verhalten der Behörden waren die Cum-Ex-GeschĂ€fte der einst mĂ€chtigen landeseigenen WestLB, die bestens mit der NRW-Politik vernetzt war. Im Mai 2007 meldete sich ein Whistleblower aus dem Innern der Finanzindustrie bei der BaFin (Bundesanstalt fĂŒr Finanzdienstleistungsaufsicht), um auf Praktiken der Landesbank aufmerksam zu machen, die auf Cum-Ex-GeschĂ€fte hinwiesen. Die BaFin recherchierte selbst – jedoch ausgerechnet bei der WestLB. „Der Bauer fragt den Fuchs“, kommentiert Bognanni (Seite 79). Im FrĂŒhjahr 2021 enthĂŒllten Journalisten schließlich, dass die BaFin ihre im Jahr 2007 erhaltenen Informationen wegen ihrer Verschwiegenheitspflicht nach dem Kreditwesengesetz, so die Darstellung der BaFin, nicht an die Staatsanwaltschaft weitergegeben hatte. Die jedoch bestreitet ausdrĂŒcklich, dass es je eine Verschwiegenheitspflicht fĂŒr mutmaßliche Steuerhinterzieher gegeben habe (Seite 82).

Nach all den unglaublichen VorgĂ€ngen im Umkreis des Cum-Ex-Komplexes stellt Bognanni in seinem Epilog nĂŒchtern fest, dass der Skandal noch lange nicht vorbei sei. Auch wĂŒrde StaatsanwĂ€ltin Brorhilker, die sich seit 2013 mit superreichen Investoren und abgebrĂŒhten WirtschaftsanwĂ€lten herumschlagen muss, noch Jahrzehnte brauchen, ihre Ermittlungen abzuschließen. Nach Meinung des Rezensenten kann das als Beleg dafĂŒr gewertet werden, dass die staatlichen politischen Entscheider das Entstehen einer Betrugsindustrie erst ermöglicht haben.

Es ist wohl auch kein Zufall, dass die Staatsanwaltschaften, wie Anne Brorhilker dem Buchautor anvertraute, auf Insiderwissen angewiesen sind, um die immer neuen Steuerbetrugsmodelle verstehen und damit den mafiösen Netzwerken auf die Spur kommen zu können. Ohne Whistleblowing erscheint eine AufklĂ€rung nĂ€mlich kaum möglich. Dem Optimismus Bognannis, der Staat könne selbst gegenĂŒber einer global agierenden Steuermafia wehrhaft sein, denn es brauche nur „die richtigen Menschen an der richtigen Stelle“ (Seite 6), ist trotz des beeindruckenden Engagements einzelner StaatsanwĂ€lt*innen, Journalisten und anderer Aktivist*innen nicht zuzustimmen.

Was Bognanni nicht leistet, ist eine Analyse des politischen und ökonomischen Systems, welches GeschÀfte wie Cum-Ex immer wieder hervorbringt beziehungsweise sie ermöglicht. Eine solche Analyse zu liefern war aber auch nicht Anliegen des Autors. Er liefert lediglich die detaillierte und lebendige Beschreibung des Cum-Ex-Komplexes als Form organisierter KriminalitÀt und der korrupten Rolle staatlicher Institutionen und ReprÀsentanten. Und dies ist ihm bestens gelungen.

Massimo Bognanni: Unter den Augen des Staates. Der grĂ¶ĂŸte Steuerraub in der Geschichte der Bundesrepublik, MĂŒnchen 2022, dtv, 285 Seiten, 20 Euro

 

 

 

 

 

Wer nicht zahlen kann, muss in Haft

Der promovierte Jurist und Redakteur der SĂŒddeutschen Zeitung, Ronen Steinke, zeigt in seinem Buch „Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich“ systematische Ungerechtigkeiten im Strafsystem auf – und spricht deshalb von einer „neuen Klassenjustiz“. WĂ€hrend einkommensarme Menschen, die schwarzfahren oder einen kleinen Ladendiebstahl begehen, mit harten Strafen rechnen mĂŒssen, werden Verfahren wegen WirtschaftskriminalitĂ€t hĂ€ufig eingestellt oder es wird milde geurteilt. FĂŒr sein Buch recherchierte der Autor bei allen relevanten Akteur:innen, das heißt bei StaatsanwĂ€lt:innen, RechtsanwĂ€lt:innen, Richter:innen und Verurteilten. Dabei geht der Autor die einzelnen Stationen der rechtlichen Verfahren durch. Er beschreibt die Rolle der AnwĂ€lt:innen, untersucht Urteile (zum Beispiel die Bedeutung verhĂ€ngter Geldstrafen) und analysiert die Auswirkungen der Untersuchungshaft und anschließender GefĂ€ngnisaufenthalte. Danach folgen Kapitel zur Wirtschafts- und „ElendskriminalitĂ€t“; am Schluss seines Buches stellt er Forderungen auf, wie es gerechter zugehen könnte.

 „Je teurer der Verteidiger, desto unschuldiger der Angeklagte“*

Die Erfolgsaussichten von angeklagten Personen hĂ€ngen wesentlich davon ab, welcher Anwalt bzw. welche AnwĂ€ltin zur Verteidigung zur VerfĂŒgung steht – oder ob sich ĂŒberhaupt einer oder eine finden und finanzieren lĂ€sst. „AnwĂ€lte haben einen langen Atem, solange jemand das Geld hat, fĂŒr ihre Zeit zu zahlen“, schreibt Steinke. Die privaten AnwĂ€lte beantragen im Gerichtssaal in 30,8 Prozent der FĂ€lle einen Freispruch fĂŒr ihre Mandanten. Pflichtverteidiger:innen tun das nur in 11,6 Prozent der FĂ€lle. Auf diese sind Ärmere aber angewiesen. Pflichtverteidiger:innen werden jedoch von der Staatskasse finanziell kurzgehalten. Und Gerichte bestellen ihre „LieblingsanwĂ€lte“, wenn vermieden werden soll, dass arme Menschen von „bissigen“ und engagierten Strafverteidiger:innen vertreten werden.

„Je vermögender man ist, desto billiger kommt man davon“

Zwischen den Strafverfolgungs- und Finanzbehörden steht das Steuergeheimnis. Meistens gibt das Finanzamt keine AuskĂŒnfte zu EinkommensverhĂ€ltnissen von Angeklagten. Darum fallen Geldstrafen fĂŒr Reiche oft zu niedrig aus. Deren finanzielle VerhĂ€ltnisse werden offensichtlich sehr zurĂŒckhaltend eingestuft.

FrĂŒher ermittelten in Berlin die Sozialen Dienste der Justiz die wirtschaftliche LeistungsfĂ€higkeit von StraftĂ€tern. Diese Dienstleistung wurde mittlerweile eingespart; jetzt schĂ€tzen die Gerichte „ins Blaue hinein“.

„GefĂ€ngnisstrafen wegen Schwarzfahrens, jĂ€hrlich: 7.000. GefĂ€ngnis wegen Cum-ex-Milliardenbetrug: 1“

 FußballfunktionĂ€r Uli Hoeneß saß wegen Betrugs am Fiskus in Höhe von mehreren Millionen Euro als einer der wenigen Reichen tatsĂ€chlich im GefĂ€ngnis. Er ĂŒberwies fĂŒnf Millionen Euro Kaution und kam aus der U-Haft wieder frei. Das ihn betreffende Urteil lautete: Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten wegen sieben „tatmehrheitlicher“ FĂ€lle der Steuerhinterziehung in Höhe von 28,4 Millionen Euro. Als Vergleich zieht der Autor eine Strafe fĂŒr eine Hartz IV-EmpfĂ€ngerin in OsnabrĂŒck heran, die den Fiskus um 84.000 Euro geschĂ€digt hatte. Sie erhielt eine GefĂ€ngnisstrafe von drei Jahren und zehn Monaten. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Buches war im Übrigen erstmals ein deutscher Banker im Rahmen des seit Jahren bekannten Cum-Ex-Skandals zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

„Anteil der WirtschaftskriminalitĂ€t an der Gesamtzahl aller Delikte: 0,9 Prozent, Anteil der WirtschaftskriminalitĂ€t am Gesamtschaden: 44,9 Prozent“

Wohlhabende rechnen ihre Geldstrafen zudem als Spesen ab, zahlen fast nie selbst. Konzerne wie VW setzen die Geldstrafen als Betriebsausgaben von der Steuer ab. Deshalb tragen letztlich alle Steuerzahler:innen den Schaden. Wirtschaftsdelinquenten haben daher gute Karten, weil sie sich freikaufen (lassen) können. „Je grĂ¶ĂŸer der Konzern, desto lauter ist sein Lachen ĂŒber diese SĂŒmmchen“, fasst Steinke den skandalösen Zustand zusammen.

Oftmals liefern sich die AnwĂ€lte Materialschlachten, die die Justiz verzweifeln lassen. Aus Bequemlichkeit lĂ€sst sich das Gericht dann auf eine gĂŒtliche Einigung ein und verfĂŒgt lediglich Geldauflagen. „SpĂ€testens seit den 2000er-Jahren gelten Deals mit TatverdĂ€chtigen als  ‚unverzichtbares Instrument‘ zur BewĂ€ltigung komplexer Wirtschaftsstrafverfahren, sprich: als leider alternativlos.“ So musste Deutsche-Bank-Manager Josef Ackermann fĂŒr die Einstellung eines Verfahrens im Jahr 2006 (Mannesmann-Prozess) nur ein Bußgeld in Höhe von etwa vier MonatsgehĂ€ltern zahlen, also 3,2 Millionen Euro. Der Top-Manager konnte so eine Vorstrafe vermeiden.

Das Buch schließt mit einer Reihe konkreter VorschlĂ€ge des Autors, die das deutsche Justizsystem ein wenig gerechter machen könnten. So fordert er etwa Pflichtverteidiger fĂŒr alle sowie die Entkriminalisierung von Drogen- und Schwarzfahrdelikten. Die Einkommen von solventen TĂ€tern sollten zudem nicht geschĂ€tzt, sondern tatsĂ€chlich ermittelt werden. Zu beenden sei auch das Vorgehen von Unternehmen, die Prozesskosten ihrer delinquenten Manager:innen zu ĂŒbernehmen und dann sogar von der Steuer abzusetzen. 

Es ließen sich sicherlich auch einige noch radikalere Forderungen aufstellen. Und dass die Klassenjustiz nicht so neu ist, wie der Untertitel des Buches behauptet, darf auch festgehalten werden. Dennoch ist das Buch lesens- und empfehlenswert!

*Alle ZwischenĂŒberschriften sind als Zitate aus dem Buch ĂŒbernommen.

Ronen Steinke „Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Die neue Klassenjustiz“ Berlin 2022, Berlin Verlag, 20 Euro

 

Unheiliges Erbe – ĂŒber die Wurzeln des bundesdeutschen Managements

Das (west)deutsche Wirtschaftswunder der 1950er Jahre beruhte in weiten Teilen auf den wĂ€hrend der Nazizeit geschaffenen ökonomischen Strukturen – diese Erkenntnis hat sich in der historischen Forschung schon seit langer Zeit durchgesetzt. Bekannt sind aus dieser Zeit auch die zahlreichen persönlichen KontinuitĂ€ten in Wirtschaft und Politik – eine ernsthafte Verfolgung belasteter Nazis fand damals kaum statt. Erst nach 1968 wurde langsam begonnen, die unheilige Vergangenheit von Politikern und WirtschaftskapitĂ€nen aufzugraben. Abgeschlossen ist diese Aufarbeitung noch immer nicht – ansonsten wĂ€re das hier rezensierte Buch lĂ€ngst erschienen.

Der französische Historiker Johann Chapoutot verweist gleich im Vorwort seines kĂŒrzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Werkes „Gehorsam macht frei“ auf den bekannten Fakt, dass die FĂŒhrungselite des „Dritten Reiches“ keineswegs nur aus kriminellen Schlagetots und militĂ€rischen Eisenfressern bestand. Der Autor nennt als ein Beispiel fĂŒr skrupellose Manager in den Reihen deutscher Nazis den Agrarwissenschaftler Herbert Backe (1896-1947) – einen Verantwortlichen fĂŒr die Ausarbeitung des „Hungerplanes“, mit dem die NazifĂŒhrung die Bevölkerung der besetzten Sowjetunion durch Nahrungsmittelentzug um 30 Millionen Menschen reduzieren wollte und dies teilweise auch tat. Ein weiteres „Monster in SS-Uniform“ ist fĂŒr Chapoutot der Architekt Hans Kammler (1901-1945) – KZ-Baumeister und Verantwortlicher fĂŒr die Entwicklung und Produktionen der V2-Rakete. Kammler verschuldete den Tod zehntausender KZ-HĂ€ftlinge, die der industriell betriebenen Menschenvernichtung oder aber der Produktionshetze und den mörderischen Arbeitsbedingungen in Arbeitslagern zum Opfer fielen.

Backe erhĂ€ngte sich 1947 in einer alliierten GefĂ€ngniszelle. Kammler ist seit dem Kriegsende verschollen – wahrscheinlich endete er ebenfalls durch Suizid.  Andere TĂ€ter hingegen, ebenfalls ĂŒberzeugte Sozialdarwinisten, die wĂ€hrend des 2. Weltkrieges „ganze Bevölkerungen umsiedelten, ganze Landstriche aushungerten, und die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft bis zur völligen Erschöpfung befĂŒrworteten“, konnten in der Nachkriegszeit ihre Karriere in modifizierter Form fortsetzen. Wie Chapoutot schreibt, hĂ€tten die „nationalsozialistischen Vorstellungen von Management ĂŒber das Jahr 1945 hinaus fortbestanden und (konnten) in den Jahren des Wirtschaftswunders fröhliche UrstĂ€nd feiern“. Dabei fungierten „ehemalige hochrangige SS-Leute (
) nicht nur als Theoretiker (
), sondern  als Praktiker“.

Der Autor liefert in den folgenden Kapiteln keine Entstehungsgeschichte des Faschismus und auch keine Analyse des faschistischen Systems als Ganzes – ihm geht es um die von den Nazis betriebene Form der Wirtschaftssteuerung und deren mörderische Folgen. Es finden sich aber interessante Fakten: In ihrer Selbstdarstellung prĂ€sentierte sich das Naziregime gern als „geschlossene Volksgemeinschaft“, als ĂŒbergreifende Ordnungsmacht, organisiert nach dem FĂŒhrerprinzip. Entsprechend ist auch das Bild, welches sich die meisten Menschen vom Dritten Reich machen. TatsĂ€chlich aber betrachteten die Nazis, so der Autor, den Staatsapparat nur als Mittel zum Zweck. Der von ihnen als trĂ€ge und ineffizient betrachtete Beamtenapparat wurde an den Rand gedrĂ€ngt, durch ein Gewirr unterschiedlicher quasi-staatlicher Institutionen mit nicht selten ĂŒberschneidenden Kompetenzen und Aufgabenstellungen  ersetzt. Der Justizapparat blieb zwar bis zum Schluss bestehen – da aber die ReichsfĂŒhrung den permanenten Notstand dekretiert hatte, konnten deren Urteile ohne weiteres aufgehoben, freigesprochene Beschuldigte kurzerhand ermordet oder per Federstrich in Konzentrationslager eingewiesen werden.

Entscheidend sei fĂŒr die Nazis das „Leistungsprinzip“ und das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit gewesen – diejenigen der untereinander konkurrierenden Apparate, die mit den gestellten Aufgaben tatsĂ€chlich fertig wurde, hatten jeweils die Oberhand und erhielten dann auch zusĂ€tzliche Befugnisse. In der Endphase des Krieges waren das diejenigen Organisationen, welche – wie zum Beispiel die SS – besonders brutal und ohne jede Spur von RĂŒcksicht agierten. Die mörderischen Folgen dieser Logik sind bekannt.

Chapoutots Buch konzentriert sich im Wesentlichen auf den Werdegang des Staatsrechtlers Reinhard Höhn (1904-2000). Höhn kam ursprĂŒnglich aus dem rechtskonservativen „Deutschen Orden“, trat dann 1933 der Nazipartei und der SS bei. In der Folgezeit entwickelte er sich zu einem fĂŒhrenden Ideologen des Regimes, erhielt eine Professur und wurde hochrangiger SS-FĂŒhrer. Nach 1945 blieb er in der Bundesrepublik weitgehend unbehelligt. Dank der UnterstĂŒtzung rechter Netzwerke in Politik und Wirtschaft wurde er dann im Jahre 1953 Direktor der „Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft“, einer Art Denkfabrik der Deutschen Industrie. Auch erhielt er eine Professur an der von ihm gegrĂŒndeten „Harzburger Akademie fĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte“.

Wie Chapoutot schreibt, ĂŒbertrug Höhn das unter seiner Mitwirkung im NS-Regime entwickelte administrative Modell nach 1945 auf die Privatwirtschaft – offenbar mit großem Erfolg. Obwohl Höhns braune Vergangenheit spĂ€testens ab Mitte der 1960er Jahre öffentlich bekannt war, besuchten bis zum Jahre 2000 etwa 600.000 Manager bundesdeutscher Unternehmen die von ihm gegrĂŒndete Akademie.

Chapoutots abschließend getroffener Feststellung: „Das Management und seine Welt sind nicht neutral“ kann man selbstverstĂ€ndlich beipflichten. Eine ĂŒbergreifende Abrechnung mit sozialdarwinistischem Denken und Handeln findet sich in dem Buch allerdings nicht. Und erst recht keine Darstellung der gegenwĂ€rtigen AbgrĂŒnde kapitalistischen Managements.

Johann Chapoutot: Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute. Aus dem Französischen von Clemens KlĂŒnemann, PropylĂ€en Verlag, 173 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-549-10035-6

 

 

 

 

„Das hĂ€ssliche Gesicht des Kapitalismus“. Zwei neue BĂŒcher ĂŒber den Konzern Amazon

In der Ausgabe des Handelsblatts vom 22. Mai 2021 rezensierte Florian Kolf zwei neu erschienene BĂŒcher ĂŒber den weltweit grĂ¶ĂŸten Online-VersandhĂ€ndler Amazon.

Nach Meinung des Wirtschaftsjournalisten hĂ€tte das vergangene Jahr fĂŒr Amazon eine Zeit der „Heiligsprechung“ werden können. Denn ein großer Teil des öffentlichen Lebens war pandemiebedingt stillgelegt und der US-Konzern verfĂŒgte ĂŒber die erforderlichen Warenlager und Logistik, um die Bevölkerung ausreichend versorgen zu können. Das Gegenteil sei aber eingetreten: „Mitarbeiter rebellierten gegen die Arbeitsbedingungen, Politiker forderten die Begrenzung der Macht des Konzerns, HĂ€ndler auf dem Amazon Marketplace wetterten gegen die GeschĂ€ftspraktiken des Plattformbetreibers. Was war geschehen?“

Auf die Frage, warum das Unternehmen „plötzlich als hĂ€ssliches Gesicht des Kapitalismus“ galt, gibt nach Auffassung des Handelsblatt-Autors das Buch „Amazon unaufhaltsam“ des amerikanischen Journalisten Brad Stone, der fĂŒr das US-Wirtschaftsmagazin Bloomberg Businessweek arbeitet, die richtigen Antworten.

Kolf schreibt: „Stone liefert eine faszinierende Innenansicht des amerikanischen Tech-Konzerns, gespickt mit Details, Szenen und Anekdoten, die dem Leser ein GefĂŒhl dafĂŒr geben, welche KrĂ€fte dieses Erfolgsunternehmen antreiben. Er zeichnet zugleich aber auch ein schonungsloses Bild des brutalen FĂŒhrungsstils von Bezos und seinen Top-Managern, die mit kĂŒnstlichen Deadlines und massivem Druck Mitarbeiter regelmĂ€ĂŸig in 80-Stunden-Wochen und hĂ€ufig fast in den Wahnsinn treiben.“

Brad Stone sieht demnach den Kern des Unternehmenserfolgs im Streben nach permanenter Innovation. Konzernchef Bezos trieb offenbar in den vergangenen zehn Jahren neue Projekte mit unermĂŒdlichem Einsatz voran – so etwa die digitale Spracherkennung Alexa.

Der zweite Teil des Buches von Stone fĂŒhre aus, wie in kurzer Zeit aus einem innovativen Unternehmen einer der mĂ€chtigsten Konzerne der Welt werden konnte: „Und hier zeigt Stone, dass Konzernchef Bezos nicht nur eine kreative und technikverliebte Seite hat, sondern auch eine skrupellose, wenn es dem Erfolg dient.“ Ein Hebel fĂŒr den rasanten Wachstumskurs sei das Heer von Lagerarbeitern und unterbezahlten Subunternehmern, die unter Bedingungen arbeiten, die einer an sich notwendigen QualitĂ€t kaum förderlich seien.

Das Buch des amerikanischen Autors fokussiert nach Meinung des Handelsblatt-Journalisten auf die Schattenseiten der rĂŒcksichtslosen Unternehmensexpansion. Im Verlauf der Corona-Pandemie etwa wurde Amazon vorgeworfen, Profiteur der Krise zu sein. Zugleich aber hĂ€tten sich Meldungen ĂŒber unzureichende Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 – insbesondere in den Auslieferungslagern – gehĂ€uft. Auch wenn Amazon jetzt wirtschaftlich so gut wie nie zuvor dastehe, sei das Image des Unternehmens deutlich ramponiert.

Als perfekte ErgĂ€nzung zu „Amazon unaufhaltsam“ bezeichnet Florian Kolf das jĂŒngst auf Deutsch erschienene Buch „Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“ von Alec MacGillis. Das Werk lege den Schwerpunkt darauf, die regionale Ungleichheit und den zunehmenden Konzentrationsprozess der US-Wirtschaft am Beispiel der Entwicklung Amazons zu analysieren.

Kolf schreibt ĂŒber MacGillis‘ Buch: „Der preisgekrönte Journalist ist dafĂŒr durchs Land gereist, hat mit Bandarbeitern, Kleinunternehmern, KĂŒnstlern, Aktivisten, Politikern und Lobbyisten gesprochen. Das Buch ist in einem packenden Reportage-Stil geschrieben und zeigt an vielen Beispielen, wie sich die Gesellschaft immer stĂ€rker verĂ€ndert, wie sich das Land spaltet – und welchen Anteil Amazon daran hat. FĂŒr Amazon sind die Ergebnisse seiner Recherchen wenig schmeichelhaft: Er listet genau auf, welche Steuererleichterungen der Konzern mit den Milliardengewinnen hinter verschlossenen TĂŒren aushandeln konnte, wie er Kommunen gegeneinander ausspielte, unter welchen Bedingungen die Arbeiter in den Auslieferungszentren arbeiten, wie EinzelhĂ€ndler unter dem Druck des Riesen aufgeben mussten.“

In einer Buchkritik des DeutschlandfunkKultur legt die Rezensentin Vera Linß den Schwerpunkt auf die These von MacGillis, dass der Erfolg von Amazon den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den USA bedrohe. Die Spaltung des Landes, die Trump viele WĂ€hler gebracht habe, gehe weiter. Bis 2030 wĂŒrden laut einer Analyse des McKinsey Global Institute 25 Metropolen weiter boomen, 54 US-StĂ€dte und mehr als 2.000 Landkreise hingegen wirtschaftlich abgehĂ€ngt. Schuld an dieser Ungleichheit, so zitiert der DeutschlandfunkKultur den US-Investigativ-Journalisten, sei die ungebremste Konzentration von Marktmacht des Konzern Amazon. Das Fazit von MacGillis lautet: Amerika steht im Schatten des Onlineriesen. Denn dessen Dienstleistung krempelt die amerikanische Wirtschaft radikal um. 76.000 ArbeitsplĂ€tze vernichtet Amazon jĂ€hrlich im Einzelhandel, doppelt so viele, wie es selbst geschaffen habe.

In der SĂŒddeutsche Zeitung schreibt Felix Ekardt, dass in „Ausgeliefert“ von MacGillis Amazon auch als Metapher fĂŒr die großen IT-Konzerne und die globalisierte Wirtschaft steht, die in der Corona-Lockdown-Gesellschaft noch mĂ€chtiger geworden sind. Das Buch reihe Beispiel an Beispiel, man erfahre von kleinen BuchhĂ€ndlern, die – von Amazon Marketplace bedrĂ€ngt – zwar mehr Kunden erreichen wĂŒrden, wĂ€hrend zugleich aber ihre Gewinnspannen schrumpfen.

In einer Besprechung des eingangs genannten Buches „Amazon unaufhaltsam“ von Brad Stone im MDR wird betont, dass Stone die vergangenen Jahre des Konzerns detailliert nachzeichne: „Wie entstand Amazons Sprachassistent Alexa, warum sind Amazons Smartphones ein Flop gewesen, wie geht es mit dem Konzern weiter, wenn der Chef im Juli abtritt?“ Stone wird zitiert: „Amazon reagiert allergisch auf organisierte Arbeiterschaft. Das war schon immer so. Es beginnt mit Jeff Bezos. Er will nicht, dass eine eingefahrene und verĂ€rgerte Belegschaft seine FlexibilitĂ€t einschrĂ€nkt. Sie versuchen darum herumzutanzen, aber sie sind gewerkschaftsfeindlich. Eine Sache, die sie tun, wenn Arbeiter sich organisieren – sie verlangsamen das Wachstum in einem Land und liefern Produkte aus anderen LĂ€ndern. Das haben wir in Deutschland schon gesehen, wo sie einige Fulfillment Centers vorĂŒbergehend geschlossen und Produkte aus Polen eingefĂŒhrt haben. Sie spielen also mit harten Bandagen.“

„Und das wird sich wohl auch nicht Ă€ndern“, wie der Redakteur der Sendung abschließend bemerkt, „wenn der Amazon-Chef nicht mehr Jeff Bezos heißt.“

Quellen:

Florian Kolf: „Kreativ und rĂŒcksichtslos: Die Geheimnisse des Erfolgs von Amazon – und die Schattenseiten“, Handelsblatt (Online) vom 22. Mai 2021

https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/literatur/analyse-kreativ-und-ruecksichtslos-die-geheimnisse-des-erfolgs-von-amazon-und-die-schattenseiten/27208618.html

Vera Linß: „Wie Amazon die USA spaltet“, DeutschlandfunkKultur, Buchkritik vom 7. Mai 2021

https://www.deutschlandfunkkultur.de/alec-macgillis-ausgeliefert-wie-amazon-die-usa-spaltet.950.de.html?dram:article_id=496687

Felix Ekardt: „Supermarkt fĂŒr Ungleichheit“, SĂŒddeutsche Zeitung (Online) vom 13. April 2021

https://www.sueddeutsche.de/politik/amazon-macgillis-1.5260717

MDR aktuell: Buchkritik zu „Amazon unaufhaltsam“ von Brad Stone vom 29. Mai 2020

https://www.mdr.de/mdr-aktuell-nachrichtenradio/audio/audio-1750114.html

Brad Stone: Amazon unaufhaltsam. Wie Jeff Bezos das mÀchtigste Unternehmen der Welt erschafft.
Ariston, MĂŒnchen 2021, 544 Seiten, 26 Euro

Alec MacGillis: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon.
S. Fischer, Frankfurt 2021, 448 Seiten, 26 Euro