Von Erd- und Geldbeben
âFrankfurt liest ein Buchâ â seit 2010 findet in Frankfurt am Main jĂ€hrlich im April ein Lesefest mit einer Vielzahl von Veranstaltungen statt. AusgewĂ€hlt werden dafĂŒr Romane, die in der Stadt spielen und zeitgeschichtliche Relevanz besitzen. âIm 16. Jahr rĂŒckt das Lesefestival erstmals Frankfurts Rolle als Finanzplatz in den Vordergrund: Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweits 2004 erschienener Roman âNachbebenâ liefert eine literarische Chronik der 1990er Jahre und der deutschen WĂ€hrungsgeschichte. Setting ist neben Frankfurt vor allem der Kleine Feldberg, wo ein Seismograph die Wellen und Schwingungen der groĂen Welt genauso wie die GefĂŒhlslagen und (zwischen)menschlichen Spannungen des Romanpersonals einfĂ€ngt.â So ein Text des Kulturfonds Frankfurt RheinMain zum diesjĂ€hrigen Event.
In einer Rezension des Romans nach seinem Erscheinen hieĂ es in der âtazâ, dem Autor sei es gelungen, âdeutsche WĂ€hrungs- und Wissenschaftsgeschichte ebenso kurzweilig abzuhandeln wie die darin eingebettet verlaufenden Regungen seiner fĂŒnf Hauptakteureâ. Ăhnlich positiv der Tenor anderer Rezensionen und in diesem Jahr die Berichte ĂŒber die Lesungen an vielen Orten Frankfurts.
Warum er auĂer seiner TĂ€tigkeit als Journalist noch Literatur verfasse beantwortete Kurbjuweit in einem Interview wie folgt: âSo wird die Fiktion zur Möglichkeit, die ganze Wahrheit zu sagen.â An diesem nicht eben geringen Anspruch muss er sich messen lassen.
Nehmen wir als Beispiel diejenigen Passagen in seinem Roman, die sich auf die WĂ€hrungsreform von 1948 beziehen. Man darf erwarten, dass Kurbjuweit â auch weil er Volkswirtschaft studiert hat, also Experte ist â hier nicht nur die sattsam bekannte Legende wiederholt, dass âalle mit 40 Mark angefangen habenâ, die sie sich in Form von in den USA frisch gedruckten Scheinen bei den Verteilstellen in den westlichen Besatzungszonen abholen durften. Mit dieser Legende beginnt die MĂ€r vom Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, bei dem angeblich alle in gleicher Weise profitierten. Wenn dann die einen bald mehr hatten und zu Reichtum kamen, und die anderen weniger, dann lag das an ihrer Leistung und ihrem unternehmerischen Geschick, denn es hatten ja angeblich alle mit der gleichen Summe Geld angefangen.
So stand es jahrzehntelang in den SchulbĂŒchern und so steht es mehr oder weniger auch in Dirk Kurbjuweits Roman. Zwar beschreibt er, wie mit dem neuen Geld schlagartig wieder die Schaufenster voll waren, weil die GeschĂ€ftsinhaber illegaler Weise ihre Waren bis zum Tag X gehortet hatten. Er kennt und benennt also das Geheimnis des Sachwerts. Aber dass bei der Umstellung der WĂ€hrung damals die Guthaben der kleinen Sparer im VerhĂ€ltnis von 10 zu 1 abgewertet wurden, wĂ€hrend die Besitzer von Sachwerten â Grund und Boden, Immobilien, Kapital und Aktien â völlig ungeschoren davonkamen, verschweigt er.
In einem 1981 erschienenen Sammelband zur Geschichte der IG Metall hieĂ es dazu: âDie WĂ€hrungsreform ⊠war eine der radikalsten Enteignungen unseres Jahrhunderts, freilich zuungunsten des kleinen Mannes. Mit ihr begann die Vermögenskonzentration in den HĂ€nden weniger und die Vermögenslosigkeit breiter Schichten, die heute das Bild der Wirtschaft bestimmenâ. Seither hat sich an der Ungleichheit der Vermögen nur geĂ€ndert, dass sie noch krasser geworden ist.
Auch die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung bemĂŒht sich inzwischen um eine wahrheitsgetreue AufklĂ€rung ĂŒber die WĂ€hrungsreform. In ihrer Zeitschrift âAus Politik und Zeitgeschichteâ hieĂ es dazu am 29. Juni 2018: âDer WĂ€hrungsschnitt fiel erheblich schĂ€rfer aus, als geplant war, und bedeutete eine groĂe soziale Ungerechtigkeit, da er einseitig die Sparer traf und die Sachwertbesitzer schonte. Ein entsprechendes Lastenausgleichsgesetz kam erst 1952 zustande und zeigte die Schwierigkeit, hier eine angemessene Lösung zu finden.â
Als dies bei einer sich an die Lesung aus dem Roman anschlieĂenden Diskussion vorgetragen wurde, meinte jemand aus dem Publikum, es handele sich doch um Belletristik, nicht um eine volkswirtschaftliche Abhandlung. Der Vorwurf, bei der WĂ€hrungsreform höchstens die halbe Wahrheit erzĂ€hlt zu haben, treffe also fĂŒr Kurbjuweit nicht zu. Dem widersprach eine Teilnehmerin, die auch darauf hinwies, dass die im Roman stĂ€ndig bemĂŒhte metaphorische Parallelisierung von seismischen ErschĂŒtterungen durch Erdbeben und gesellschaftlichen ErschĂŒtterungen durch Geldreformen unter einem gewissen Ideologieverdacht stehe: Sollen hier etwa ökonomische und soziale Ereignisse als quasi natĂŒrliche PhĂ€nomene assoziiert werden, die nun einmal passieren? So sagt Kurbjuweit es nicht, aber so könnte es verstanden werden.
Dass mit der einseitig von den Westalliierten verkĂŒndeten WĂ€hrungsreform von 1948 die Teilung Deutschlands besiegelt war, findet er nicht einmal der ErwĂ€hnung wert. Bei der Darstellung der WĂ€hrungsunion von 1990, die dann der erste Schritt zur âWiedervereinigungâ war, sprich zur Eingemeindung der DDR in die Bundesrepublik, deutet er zwar an, welche verheerenden Konsequenzen ihre Umsetzung fĂŒr die KonkurrenzfĂ€higkeit der ostdeutschen Unternehmen hatte. Er verliert aber kein Wort ĂŒber das unselige Wirken der Treuhandanstalt, die mit dem Ziel gegrĂŒndet worden war, das âVolkseigentumâ der DDR zu Geld zu machen.
In einem Artikel auf der Seite des Mitteldeutschen Rundfunks unter dem Titel âWie die Treuhand den Osten verkaufteâ heiĂt es dazu: âUnter teils dubiosen UmstĂ€nden verscherbelt die Treuhand rund 50.000 Immobilien, knapp 10.000 Firmen und mehr als 25.000 Kleinbetriebe. Dass sie in zahllosen FĂ€llen weder die BonitĂ€t der KĂ€ufer prĂŒfte noch die Einhaltung der VertrĂ€ge ĂŒberwachte, ist aktenkundig. Die DDR gilt in diesen Jahren als ein riesiger SchnĂ€ppchenmarkt und die Kritik an dem Gebaren der Treuhand wĂ€chst von Jahr zu Jahr⊠Die Geschichte der Treuhand ist aber vor allem eine Geschichte einer gigantischen Umverteilung: Das einstige Volkseigentum ist zu 85 Prozent an Westdeutsche, zu 10 Prozent an internationale Investoren und nur zu knapp 5 Prozent an Ostdeutsche ĂŒbertragen worden.â (7. April 2022)
Im Roman âNachbebenâ ist davon nicht die Rede, stattdessen wird die Sehnsucht und âGierâ der Ostdeutschen nach der kaufkrĂ€ftigen D-Mark herausgestellt. Und bei den Passagen zur EinfĂŒhrung des Euro geht es dann folgerichtig auch um die âharte Markâ, des Deutschen angeblich liebstes Kind, das er nicht gerne gegen eine weiche internationale WĂ€hrung tauschen möchte.
Die Hauptfigur des Romans, Lorenz, ist ein sozialer Aufsteiger, der bei der Bundesbank Karriere machen möchte. Auf einer internationalen Konferenz tritt er kĂŒhn gegen den Euro auf, wird von einem Vorgesetzten gemaĂregelt und darĂŒber belehrt, dass âdie Franzosenâ nun einmal diesen Preis fĂŒr die Zustimmung zur deutschen Einheit verlangt hĂ€tten. Man werde aber alles dafĂŒr tun, den Euro ebenso hart wie die Mark zu machen.
Auch hier kein weiteres Wort mehr darĂŒber, wie die deutsche Wirtschaft dann von der neuen WĂ€hrung profitierte, ihre Exporte in andere europĂ€ische LĂ€nder steigern konnte. Stattdessen wird ausgebreitet, wie Lorenz in der Bundesbank gemobbt wird, sich aus Geldnot korrumpieren lĂ€sst, woraufhin man ihn schlieĂlich hinauswirft.
In Interviews wurde Dirk Kurbjuweit stets nach seiner persönlichen Meinung zum Euro gefragt. Da distanzierte er sich dann von den Auffassungen seiner Romanfigur. Aber im Roman selbst werden die nostalgischen und national aufgeladenen Mythen um das deutsche Geld nur immer wieder zitiert und allenfalls leicht ironisiert, nicht kritisch auseinander genommen. Zum Beispiel indem die monetĂ€ren Fragen auch als soziale Fragen, als Fragen nach der Verteilung immer wieder neu gestellt und dargestellt wĂŒrden.Â

