Wo bitte geht’s hier zum Frieden?
Was für den BVB-Fußballer Adi Preissler galt: „…entscheidend is auf’m Platz.“, gilt umso mehr für diejenigen Friedenskräfte, die der Ukraine aus dem Krieg heraushelfen wollen. Bereits am 2. März 2022, zehn Tage nach dem russischen Angriff, fordert die Generalversammlung der Vereinten Nationen „nachdrücklich die sofortige friedliche Beilegung des Konflikts zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine durch politischen Dialog, Verhandlungen, Vermittlung und andere friedliche Mittel“.
Das hat die Bundesregierung mitbeschlossen – aber bis heute nichts dazu beigetragen. Bis heute versteckt sie sich hinter der Behauptung: „Russland will nicht verhandeln.“ Woher will die Regierung das wissen, wenn sie keine Vorschläge macht, mit denen sie die Gegenseite prüfen kann?
Hier ein Vorschlag, der als ein Szenario verstanden werden will. Die Szenario-Methode bedeutet, mehrere Trends aufzuzeigen, um den möglichst besten Weg in eine erwünschte Zukunft zu finden; in diesem Sinne hier eine mögliche Positiv-Variante. In der Sache geht es um den heiklen Übergang vom Krieg zu Verhandlungen, hin zu einem konsensualen Ergebnis in eine befriedete neue Konstellation.
Drei methodische Überlegungen zu: Wie geht Verhandeln?
- Wenn die andere Seite blockt – es immer wieder versuchen!
Umso mehr gilt es zuzugreifen, wenn die andere Seite Gesprächsbereitschaft signalisiert, wie am 9. Mai 2026 der russische Präsident mit seinem Vorschlag, Gerhard Schröder als Vermittler hinzuzuziehen. Oder eine andere Person.
Axel Fersen vom Erhard-Eppler-Kreis schreibt dazu: „Es lohnt sich, ehrlich zu sein über die wirkliche Front. Es gibt eine einflussreiche Schicht in westeuropäischen Leitmedien und Parlamenten, die nicht trotz, sondern wegen der Verluste am Krieg festhält. Die Logik dieser Position: Russland muss militärisch und ökonomisch so geschwächt werden, dass es als geopolitischer Akteur dauerhaft erledigt ist. Diese Position ist intellektuell konsistent – sie ist nur keine Friedensposition. Sie ist eine Kriegsposition. Wer sie vertritt, soll das offen sagen, statt sie als „realistische Verhandlungsskepsis” zu kostümieren… Friedensverhandlungen entstehen nicht zwischen Sympathischen, sondern zwischen Feinden. Wer einen Gesprächskanal nur deshalb verwirft, weil ihn die Gegenseite vorgeschlagen hat, hat Diplomatie mit Stimmungspolitik verwechselt.
Die Frage ist nicht, ob Schröder ein idealer Vermittler ist. Idealvermittler existieren nicht. Die Frage ist, ob er ein nutzbarer ist. Die Antwort liegt offen vor uns: Russland akzeptiert ihn. Die Ukraine hat ihn 2022 selbst angefragt. Er kennt deutsche Interessen aus seiner Kanzlerschaft. UN-Mediationsprinzipien stützen den pragmatischen Zugang. Trump verhandelt ohnehin schon – die Frage ist nur, ob Europa dabei am Tisch sitzt oder auf der Speisekarte steht.
Hier liegt der entscheidende Punkt, an dem die Verhandlungs-Verweigerer beim Wort genommen werden müssen: Was ist eigentlich ihr Vorschlag?“
- Ernsthafte Verhandlungen brauchen die Einheit von Prozess & Substanz
Nur wenn beides sachlich aufeinander bezogen und gemeinsam abgestimmt ist, besteht eine Aussicht auf Erfolg, weil es Verbindlichkeit zwischen den Verhandlungs-Partnern herstellt und Sicherheit gibt, Vertrauen aufbaut, dass keine Seite unterwegs so leicht ausbüxt und: dass die eigenen Interessen ins Verhandlungstableau aufgenommen werden.
Es geht also immer um ein Paket: in welcher Schrittfolge wollen wir raus aus dem Krieg und was wollen wir regeln, dem wir beide zustimmen können. Üblicherweise verständigt man sich auf eine Absichtserklärung oder Grundsatzvereinbarung, einen schriftlich fixierten Letter of Intent. Die am 23.12.2025 vom ukrainischen Präsidenten formulierten 20-Punkte können der Entwurf dazu werden.
Interessant zu beobachten war das bisherige Vermeidungsspiel der beiden Kriegsparteien mit dem Trennen und Gegeneinanderausspielen der beiden Teile: Jahrelang wurde der Friedensbewegung vorgehalten: Wer Waffenstillstand einfordert, spielt doch nur Russland in die Hände, denn die Feuerpause würde als Verschnaufpause für den nächsten Vorstoß genutzt. Jetzt ist es genau umgekehrt: Russland sagt nein zum Waffenstillstand, wenn und solange die zweite Seite der Medaille, also der Umriss künftiger Vereinbarungen, nicht skizziert ist. Wer’s ernst meint, bietet beides zusammen
- Von Russland mutig viel verlangen, aber auch viel anbieten.
So heranzugehen, atmet den Wunsch nach Lösung und Ergebnis.
Dem Gegner die Verhandlungsbereitschaft abzusprechen, selber weiter militärisch zuzulegen und an Maximalforderungen festzuhalten – das macht eine Seite, die am Krieg festhalten will – womit wir wieder bei der Bundesregierung sind. Arme Ukraine, tragischer Präsident Selenskyj.
Ein Substanz-Vorschlag mit 12 Elementen
- Russland hat die seit dem 24. Februar 2022 eroberten Gebiete komplett zu räumen, einschließlich Donezk und Lugansk.
Das ist tatsächlich viel verlangt – von Russland, das aktuell keine militärische Veranlassung hat, sich zurückzuziehen. Viele Beobachter halten dies deshalb auch für ziemlich ausgeschlossen. Doch Vorschlag zwei lautet:
- Die Ukraine rückt in diese Gebiete nicht ein.
Dieser Vorschlag wird bisher kaum gemacht, leider. Denn so würde von beiden viel verlangt, Russland und der Ukraine.
Die Ukraine würde die Abtretung von Donezk und Lugansk de facto akzeptieren; hätte ihre Souveränität aber bewahrt und anerkannt bekommen; allerdings mit 10 bis 15 Prozent weniger Territorium. Eine mögliche weitere Verschlechterung ihrer militärischen Lage wäre abgewendet; das Sterben, das Leiden und die Zerstörung hätten ein Ende, die Geflüchteten könnten heimkommen, die Familien wieder zusammen, der Aufbau könnte beginnen usw.
Perspektivisch würde ein vereinbartes, gesichertes „Dazwischen“ geschaffen, das zu einem neutralen Raum zwischen Nato und Russland entwickelt werden kann – statt eines neuen digital-militärischen Eisernen Vorhangs mit permanenter Spannung, Aufrüstung, Kriegsgefahr.
- Die Gebiete verwalten sich für Jahre selbst unter einem „Hohen Repräsentanten“ der UN à la Bosnien-Herzegowina.
Was mit der Gewalt nicht entschieden werden kann, wird mit der Zeit gelöst.
Diese Zwischenlösung streckt und entschärft damit den heftigsten Konflikt-Gegensatz: die territoriale Frage. Denn beide Länder beharren verfassungsrechtlich auf dem Besitz des Gebiets; sicher mit unterschiedlicher Rechtsgrundlage.
Zugleich wird auf die innerukrainische Konfliktebene zugegriffen, die langjährigen Spannungen zwischen der ukrainischen Mehrheitsbevölkerung und der russischen Minderheit von ca. 20 Prozent, die sich im Donbass konzentriert. Rechtlich geht es um das Selbstbestimmungsrecht (das andern Orts sehr in den Vordergrund gestellt wird, je nach den Machtinteressen der Nato). Bedeutsam ist: Der Gegensatz besteht zwischen den nationalistischen Kräften beider Seiten, nicht zwischen den Bevölkerungen. Deshalb ist der Lösungsansatz: Die Betroffenen entscheiden. Mit großem zeitlichen Abstand zum Krieg, vielleicht in 10 Jahren, und bei weit fortgeschrittenem Wiederaufbau.
- Die Sicherheit garantieren Streitkräfte mit UN-Mandat und Bewaffnung.
Die Klärung der Sicherheit ist der zweite große antagonistische Gegensatz beim Übergang in eine mehr oder weniger befriedete Zukunft.
Über die Rolle, die der UNO zugedacht wird, ist prinzipiell festzustellen: Genau da gehört die Absicherung des Übergangs hin.
Beide Seiten müssen sich dazu einigen; da sind wir schon nahe bei der dann künftigen Gemeinsamen Sicherheit, die sicherer ist als eine gegen die andere Seite oder gar über sie dominierende.
Der Sicherheitsrat mit den fünf Veto-Mächten ist der Ort, sich zu verständigen und die Konditionen auszuhandeln. Der Ukraine wäre in den Fragen, die sie unmittelbar betreffen, das gleiche Veto-Recht zuzubilligen, das USA und Russland dort ohnehin haben.
Für solche UNO-Aufgaben gibt es funktionierende Beispiele. Man muss also nicht bei null anfangen, um zu designen, was genau in der Ukraine hilfreich sein könnte.
- Diese Streitkräfte sind keine Nato-Truppen, sie kommen aus Ländern wie Indien, Südafrika, Brasilien und der Schweiz. Oder doch dazu: China und ein Nato-Land, warum nicht.
- Um deren Aufgabe einfacher und sicherer zu machen, rücken die ukrainische und russische Armee je 50 Kilometer zurück.
Dieser Punkt beinhaltet den Ausblick in die Zukunft. Hier zeigt sich am klarsten, welcher Qualität die Vorschläge sind und wohin ein künftiger Vertrag führen kann, als Zwischenperspektive bis zur „strukturellen Nichtangriffsfähigkeit“ beider Seiten: So entsteht Sicherheit! Gemeinsame.
- Nach zehn Jahren entscheiden die Bewohner:innen, welche staatliche Verfasstheit sie auf Dauer wollen, ukrainisch, russisch oder selbstständig, evtl. getrennt nach Oblast.
- Für die Krim gilt wieder das Minsk-II-Abkommen.
- Die Ukraine wird auf Dauer nicht in die Nato aufgenommen, ebenso wenig wie Moldawien, Georgien und alle weiteren Nachfolgestaaten der UdSSR.
Hier handelt es sich um mindestens zweierlei:
Erstens, der Westen anerkennt, dass er an der Eskalation hin zum Ukraine-Krieg schon seit 1990 beteiligt ist, also am Rad mitgedreht hat. Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick, der u.a. sehr viel für die Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet, hat das in einem Satz benannt: „Russland ist der Aggressor, wir haben es versaut“ (in einer Zeitschrift mit dem Namen: „welt-sichten“, Ausgabe 2-2025).
- Zweitens wird hier ein entscheidender Anreiz formuliert, der Russland bewegen könnte, seine Truppen zurückzuziehen, wenn nicht nur die Ukraine, sondern die ganze Region der früheren Sowjetrepubliken Nato-frei bleibt. Der ehemaligen ukrainischen Außenminister Kuleba hat diese Idee von neutralen Staaten, denen Sicherheit und Frieden garantiert wird bei den Friedensverhandlungen im März/April 2022 eingebracht.
- Im gleichen Rhythmus, wie die Truppen Russlands sich zurückziehen (z. B. drei Monate), werden alle Sanktionen gegen Russland aufgehoben. Russland wird wieder Mitglied in allen internationalen Foren/Institutionen, in denen es vor dem Krieg war.
Dies ist der zweite Anreiz mit Russland zusammen zu kommen!
Russland, Ost-, Mittel- und Westeuropa gewinnen alle gleichermaßen, wenn der Kontinent insgesamt befriedet wird und wirtschaftlich und kulturell wieder zusammen kommt, statt à la Claudia Major und anderen durch eine permanente Frontlinie und Frontstellung zerrissen zu sein – eine Orwell’sche Anti-Utopie als Ansage und Politik.
- Beiderseits werden keine Reparationsforderungen
- Die in Den Haag anhängigen Verfahren laufen weiter, sie unterliegen als unabhängige Justiz keiner politischen Entscheidung.
Es ist wichtig dies aufzunehmen, um die individuell zu übernehmende Verantwortung zu markieren und dem Ort zuzuweisen, den die Menschheit sich dafür schon erarbeitet hat. Zugleich ist festzustellen, dass Russland, die USA und die Ukraine den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nicht anerkennen. Außerdem ist noch weiter einschränkend festzustellen, werden alle beteiligten Staatsspitzen sich gegenseitig Immunität zusichern. Wenn man den Krieg beenden will, ist das unvermeidlich.
Die Mühlen der Justiz arbeiten zwar oft langsam, aber…
Wenn Sie das Paket prüfen: Werden die wesentlichen Interessen der Ukraine, Russlands, Westeuropas und der USA – und im Grunde der ganzen Welt, wenn man deren Mitbetroffenheit in Rechnung stellt, eher gewahrt oder verletzt?
Gibt das Paket Hinweise, was sinnvollerweise getan werden kann, getan werden müsste?
Im Sinne der Beweislastumkehr: Warum will die Regierung von all dem nichts wissen? Man kann auch einen Verteidigungskrieg völkerrechtswidrig führen.
Die kurze Skizze hat Voraussetzungen, aus denen heraus sie entwickelt wurde:
Am nächstliegenden die Impulse der Initiative Sicherheit neu denken, des politisch fortgeschrittensten Ansatzes für eine Friedens-Transformation, der die Imperialität der aktuelle Staatenwelt zum Ausgangspunkt nimmt und Wege sucht und aufzeigt, sie in Richtung ziviler Sicherheit zu überwinden. Sehr wohl in Rechnung stellend, dass zur Wahrung ungerechtfertigter Privilegien Krieg eine feine Sache ist. Siehe:
https://www.sicherheitneudenken.de/europa-szenario/?
Die sozial-psychologischen Erkenntnisse des US-amerikanischen Theologen Walter Winks, gebündelt im Begriff vom „Mythos der erlösenden Gewalt“. Siehe:
https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/liebe-statt-guete/
Den fortgeschrittensten Ansatz der Friedensforschung, der die zwei Paradigmen gewaltsame Sicherheitslogik und gewaltüberwindende Friedenslogik in der Gegenüberstellung analysiert, soeben in 2. Auflage erschienen:
https://www.wochenschau-verlag.de/Friedenslogik-verstehen/41759-Print-61759-PDF
Zwei Interviews mit Friedrich Glasl, dem gegenwärtig wohl interessantesten Friedens- und Konfliktforscher:
https://www.youtube.com/watch?v=h69Ni6N07Xo – das 9-Stufen-Modell der Konflikt-Eskalation
https://www.youtube.com/watch?v=OLfoAViLQqg – ein Überblick über seine Arbeit
Das Konzept der „Gemeinsamen Sicherheit“, entwickelt von Olof Palme, praktiziert von Willy Brandt und Egon Bahr:
https://www.rosalux.de/publikation/id/51014/gemeinsame-sicherheit-trotz-alledem
Die Erfahrungen erfolgreicher Rüstungskontrolle, Rüstungsbegrenzung und substantieller Abrüstung:
https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/sicherheitspolitik/abruestung-ruestungskontrolle
https://www.osce.org/de/node/25
https://afk-web.de/arbeitskreise-der-afk/ruestung-und-ruestungskontrolle/
Die leidvollen und hoffnunggebenden Erfahrungen der politischen Friedensbewegung seit der Gründung der Deutschen Friedensgesellschaft durch die drei Friedensnobelpreisträger/-trägerin Berta von Suttner, Alfred Hermann Fried 1892 in Berlin und den früh eingestiegenen Ludwig Quidde.
https://dfg-vk.de/unsere-geschichte/
Vom Beginn des Ukrainekrieges mit dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 bis heute steht die Alternative im Raum: Verhandeln oder weiter Krieg führen! So wie zum Kriegführen zwei gehören, so auch zum Krieg beenden. Eine Seite, die anfängt, und eine Seite, …
In Deutschland braucht es den Aufschwung der zivilgesellschaftlichen Friedensbewegung, die die Regierung aufs zivile Gleis schiebt.
Gerd Bauz ist aktiv in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK). Am 17. Mai 2026 war er in der monatlich von Business Crime Control und KunstGesellschaft im Club Voltaire in Frankfurt am Main veranstalteten Matinee zu Gast und stellte seine hier vorliegenden Thesen zur Diskussion.

